Es ist fast rührend, wie besorgt manche Leute plötzlich sind, weil der Kanzler gesagt hat, er wolle die Beziehungen zu Rußland entspannen, das Klima verbessern. Wie sie ihn beschwören, doch ja frostig zu bleiben, wie sie ihm seine eigenen Erfahrungen vor Augen führen, so als sei er ein unberechenbarer Spring-ins-Feld, ein romantischer Guckin-die-Luft, dessen außenpolitische Launen ihn bald nach Ost bald nach West spähen ließen.

Dabei sind die lautesten Mahner zu unwandelbarer Statik gerade die, die sich selber durch eine ungewöhnliche Dynamik – man könnte auch sagen: Sprunghaftigkeit – auszeichnen. So schrieb die Welt, die heute mit erhobenem Finger und besorgter Miene vor der Vision eines Gesprächs Adenauers – Chruschtschow warnt, im Februar 1958: "Der Bundeskanzler hat im vorigen Jahr einmal gestanden, Malenkow sei ein vernünftiger Mann gewesen, und man hätte mit ihm sprechen können (Man hat aber zu seiner Zeit nicht mit ihm gesprochen!). Es spricht viel dafür, daß der Praktiker und Realist Chruschtschow ... der beste Repräsentant für ein Gespräch ist, den die Sowjetunion zur Zeit anzubieten hat. Es wäre leicht möglich, daß man auch hier irgendwann einmal nachträglich feststellen kann, man hätte eigentlich mit ihm sprechen sollen."

Sollte man nicht einem Regierungschef, der elf Jahre lang unbeirrbar seinen außenpolitischen Kurs gesteuert ist (ungeachtet der Tatsache, daß er eben dieserhalb periodisch und heftig angegriffen wurde), zubilligen, daß er gelegentlich einmal die Welt mit neuen Augen prüft? Und wer wollte bestreiten, daß die Jahreswende 1960/61 vielleicht die Gelegenheit und der Zeitpunkt ist, eine solche Prüfung vorzunehmen? Daß eine grundsätzliche Sinnesänderung das Ergebnis sein könnte, ist ohnehin nicht anzunehmen.

Die elf Jahre Adenauersche Politik gingen von zwei Prinzipien aus. Erstens: feste Integration der Bundesrepublik in den Westen und zweitens: Zeit gewinnen. Diese Grundsätze haben sich bewahrt, haben sich als die einzig richtigen erwiesen. Nichts spricht dafür, daß der Kanzler sie aufgegeben hat – im Gegenteil, wahrscheinlich paßt er sie nur den veränderten Zeitläuften an. Dff.