Saarbrücken ist ihr Sammelplatz, doch keine FLN-Etappe – Abends geht Achnied in die Schule

Von Heinz Michaels

Saarbrücken, im November

Jeden Abend treffen sie sich in der kleinen Seitenstraße am Hauptbahnhof, tauschen Neuigkeiten aus, diskutieren über die Zukunft oder erzählen ganz einfach von ihrer Heimat. Von der Umwelt sind sie isoliert, mißtrauisch beobachtet von den einen, mitleidig betrachtet von den anderen: Algerier in Deutschland.

Achmed, der so eine Art algerischer Gewerkschaftsfunktionär ist, unterscheidet sich mit seinem braunen Anzug und dem karierten. Hemd mit offenem Kragen kaum von einem deutschen Arbeiter. Sein Deutsch ist gut. "Ich gehe auch jede Woche einen Abend in die Schule", erzählt er stolz. Später höre ich, daß Achmed mit einer Saarländerin verheiratet ist.

Zusammen fahren wir hinaus zum Stadtrand von Saarbrücken. Bei spärlichem Mondlicht stolpern wir über einen Lagerplatz und landen schließlich vor einer halbverfallenen Baracke. Ein rhythmisches Klopfzeichen, ein kurzer Wortwechsel auf arabisch, dann wird uns geöffnet.

Der Anblick ist trostlos. Vier Mann in einem 15 Quadratmeter großen Raum. Holzpritschen. Strohsäcke ohne Bettücher, alte Decken. In der Ecke ein zementierter Ausguß, wie er in Ställen und Waschküchen üblich ist. Über dem Herd, auf dem Essen gewärmt wird, hängt Wäsche zum Trocknen. Die Tiefbaufirma, der diese Baracke gehört, ist allerdings großzügig: Sie nimmt den Algeriern für diese Behausung keine. Miete ab, nur 4,50 Mark monatlich für Licht und Wasser. Bei einer anderen Firma, so wird mir berichtet, mußten die Arbeiter für eine ähnliche Unterkunft 25 Mark im Monat bezahlen. Als sie sich darüber beschwerten, bekamen sie kurzerhand ihre Papiere in die Hand gedrückt.