Mit seinen 43 Jahren wird John F. Kennedy, wenn er am 20. Januar 1961 sein Amt antritt, der jüngste Präsident der amerikanischen Geschichte sein. Doch ist das nicht der einzige Rekord, den der Millionärssohn aus Boston schlägt: Er präsentiert seinem Lande zugleich die jüngste und schönste First Lady, die je im Weißen Haus residierte. Jacqueline Kennedy wird ganze 31 Jahre zählen, wenn ihr Mann seinen Amtseid leistet; ihre Älteste, Caroline, wird gerade drei Jahre alt sein, ihr Jüngstes, mit dessen Ankunft die Kennedys im Dezember rechnen, knapp einen Monat. Die Füßchen, die fortan über das historische Parkett des Hauses Pennsylvania Avenue 1760 tapsen werden, sind die von Präsidentenkindern, nicht von Präsidentenenkeln...

Jacqueline ist nicht eben der Typ des "political wife", den die Amerikaner bisher gewohnt waren. Als Jack, damals mit 36 der begehrenswerteste Junggeselle Washingtons, sie im Frühjahr 1951 bei einer Dinner-Party kennenlernte, arbeitete die zweiundzwanzigjährige Bankiers tochter an der George Washington University noch auf ihren Bachelorgrad hin. Sie studierte Geschichte und Kunstgeschichte, war zuvor am exklusiven Vassar-College gewesen und hatte auch zwei Jahre an der Pariser Sorbonne studiert. Ihr ganzes Interesse galt den Kunstgalerien und der europäischen Geschichte. Für Politik hatte sie wenig übrig – es sei denn für die des achtzehnten Jahrhunderts.

Ihre klaren Züge, ihr weiches Kastanien-Haar, ihre braunen Augen bestrickten den Kongreßabgeordneten aus Boston schon beim ersten Zusammentreffen. "Ich beugte mich über den Spargel", erzählte er später über jene Dinner-Party, "und bat um ein Rendezvous." Die Romanze zwischen Jack und Jackie kam freilich nicht recht vom Fleck: Kennedy bewarb sich um einen Senatssitz seines Heimatstaates Massachusetts, und er kämpfte damals schon genauso verbissen wie im Herbst 1960. Ab und zu rief er aus irgendeiner Austernbar an, zuweilen trafen sich die beiden in Washington zum Kinobesuch (Wildwester und Bürgerkriegsfilme sah Jack am liebsten). Erst nach der Wahl – Kennedy beisiegte damals denselben Henry Cabot-Lodge, der am 8. November als republikanischer Kandidat für die Vizepräsidentschaft Nixons Niederlage teilte – konnten sich die beider regelmäßig sehen. Jack schenkte Jackie Geschichtsbücher, nie Pralinen; Jackie schenkte Jack zwei Bücher, die sie selbst illustriert hatte Den Job, den sie mittlerweile als Interview-Photographin bei der Washington Post gefunden hatte, gab sie bald auf. Am 12. September 1953 wurde das Paar vom Erzbischof von Boston getraut; Pius XII. erteilte seinen päpstlichen Segen.

Für die Politik begann sich Jackie nach und nach zu erwärmen; sie nahm allerdings nie denselben Anteil daran wie etwa Pat Nixon. 1957 kam ihre Tochter Caroline zur Welt; vorher hat sie zweimal ein Baby verloren. Und obwohl sie wieder ein Kind erwartet, hat sie sich in diesem Jahr intensiv an der Wahlkampagne ihres Mannes beteiligt. Sie Hielt auf italienisch, spanisch und französisch Wahlreden für ihn (im Kreolendistrikt Louisianas: "Moi, aussi, je suis d’origine française"), schrieb eine Zeitungskolumne Campaign Wife und drehte kurze Fernsehfilme "Kaffee mit Mrs. Kennedy". Aber so recht konnte sie sich doch nicht daran gewöhnen, daß das Haus von allen möglichen Leuten überlaufen wurde.

In ihrem künftigen Domizil wird sich Jacqueline Kennedy mit all den fremden Leuten, mit Gouverneuren und Gewerkschaftsführern abfinden müssen. Auf dem Rasen des Weißen Hauses aber wird niemand mehr Golfschläge üben, statt dessen werden dort Kinder um die Fontänen tollen. Und wenn dann eine schlanke Brünette in Blue-jeans oder gar Bermuda-Shorts auf sie aufpassen sollte – wer weiß, es mag leicht sein, daß es die neue First Lady der Amerikaner ist. Theo Sommer