Von Georg Britting

Unser Freund Egidi war seit kurzem verlobt mit der unauffälligen Tochter eines Notars. Mit vergißmeinnichtblauen Augen sah sie ins Leben und sah ihren Verlobten an. Ihre Lippen waren Haß und dünn über schönen weißen Zähnen. Sie hatte große Füße, und immer war es, als habe sie eben geweint. Beim allabendlichen Bummel auf dem Altpfarrplatz grüßte er, und grüßten wir mit ihm, hinauf zu dem mit Blumenkästen gesäumten Balkon, auf dem seine Braut saß, und die Brauteltern, unter dem großen, roten, weißgetüpfelten Sonnenschirm – wie ein ungeheurer Fliegenpilz leuchtete der herab! Dort erwartete ihn ein gedeckter Tisch, ein Abendessen auf weißem Linnen und ein erlaubter Willkommenskuß, bei nickenden Blumenhäuptern, im Familienkreis. Der Wein stand schon im Kühler bereit – meistens ein Mosel, sagte Egidi. Die Blumen waren Geranien. Egidi mußte sich dann immer bald von uns trennen: es fiel ihm schver.

Wir Ungebundenen blieben beisammen. "Fliegenpilze sind giftig", murrte Eglseder. Wir gingen zu einem Biergarten an der Donau, an grün gestrichenen Tischen, unter grünen Bäumen, Kastanien, zu Abend zu essen, einen Emmenthaler oder eine Knöcherlsulz und einen scharfen Rettich. Der Kies knirschte, wenn man den Stuhl rückte. Die dicken Kellnerinnen schwitzten, die Steinkrüge schleppend, hoch vor die Brust gestemmt, geröteten Gesichts.

Im Wirtsgarten saß oft auch Romuald Gschrey, der Tenor, der großherzoglich mecklenburgische Kammersänger, ein Lehrersohn aus der Umgebung – soweit hatte der es gebracht! Bei ihm waren fast immer der Vorstand der städtischen Sparkasse, mit kahlem Kopf, und seine Frau, die den Sänger mit halboffnem Mund anstaunte. Nicht aus Bewunderung allein brachte sie den Mund nicht zu, auch sonst im Leben vermochte sie die Lippen nicht aufeinander zu legen, so war ihr Antlitz gebaut.

Gschrey erzählte von Hofbällen, von mageren Prinzessinnen und schönbeinigen Tänzerinnen, und seine Stimme war so tragend, daß man jedes seiner Worte auch an den Nebentischen verstand, was ihn nicht zu stören schien, im Gegenteil! Blondlockig war er, mit üppigem Haarwuchs, und in seinem Schlips steckte eine Nadel, auf der eine kleine, goldene Krone glänzte. Die Nadel hatte er von dem Großherzog geschenkt bekommen, wußte jedermann. Aus der Brusttasche seiner sandfarbenen Sommerjacke lugte ein rosiges Tuch. In das schneuzte er sich nicht, dazu holte er ein anderes, weißes Tuch aus der Hosentasche. Er verließe jetzt Schwerin, sprach er, er habe dort gekündigt, sprach er und sah sich um, ob ihn auch jeder höre ringsum, und ginge nach Darmstadt. Auch dort gäbe es einen Großherzog, sprach er. Offenen Mundes vernahm es seine Anbeterin. Ihr Gemahl lächelte und glättete sich Haare auf seinem Kopf, die nicht da waren.

Die Spatzen holten sich Wursthäute und Käserinden, die unter den Tischen lagen. Die getigerte Wirtskatze jagte die Vögel, daß sie schimpfend aufflogen. Aber bald waren sie wieder da! Die Donau rauschte herauf, die Krugdeckel klapperten, der Kammersänger schneuzte sich: so war mancher Sommerabend!

Und Egidi, der Metzgersohn, der Burschenschafter, der schon Tierblut hatte rinnen sehen und Menschenblut, saß derweil unter dem Fliegenpilzschirm. Er hatte sich nie darüber ausgelassen, wie es zu der Verlobung mit dem unauffälligen Fräulein gekommen war. Geld hatte er selber. Eine Ehe wurde nicht daraus. Der Turbanträger verhinderte es, der eben zu dieser Zeit in seiner Heimat ein englisches Gewehr zu bedienen geschult wurde, für einen Krieg, wo ihm in der Schützenkette Egidi im flandrischen Schlamm gegenüberliegen sollte. Noch wußten sie beide nichts voneinander, noch nährte sich der indische Mann friedlich und fleischlos in seiner Kaserne. Die Rinder sind heilig in seinem Vaterlande, man schlachtet sie dort nicht, und so müssen sie am Ende Hungers sterben. Der Unterschied ist nicht gar so groß.