New Delhi, im November

Es gab in Indien wie in Deutschland Stimmen, die nach den dreimaligen Begegnungen des indischen Regierungschefs Nehru mit. Bundeskanzler Adenauer auf deutschem Boden die Meinung vertraten, daß ein gelegentlicher Gegenbesuch des deutschen Kanzlers in Indien keine übertriebene Aufmerksamkeit erregen würde. Es gab aber auch andere, die davor warnten, daß ein längeres Beisammensein der beiden eigenwilligen und geistig sehr unterschiedlich geprägten Staatsmänner eher eine Entfremdung als ein besseres gegenseitiges Verständnis bewirken könnte, und vielleicht hat man aus diesem Grunde auch auf beiden Seiten darauf verzichtet, die eigentliche überfällige Indienreise Dr. Adenauers zu forcieren.

Nun ist Altbundespräsident Professor Heuss für Adenauer in die Bresche gesprungen. Zwar kam er als "Privatmann", aber das indische Protokoll erwies dem Altbundespräsidenten Ehrungen, mit denen hier sonst nur regierende Staatsoberhäupter ausgezeichnet werden.

Theodor Heuss hat die Inder vom ersten Augenblick an durch seine vollkommen zivile und unprätentiöse Art beeindruckt, durch seine warmherzige, von Güte, Humor und Toleranz erfüllte Menschlichkeit und nicht zuletzt natürlich auch durch die Liberalität und Weite seiner geistigen Persönlichkeit.

Alles dies sind Attribute, die man hierzulande gewöhnlich nicht mit der Vorstellung von einem deutschen Politiker verbindet. Bei aller Bewunderung für die wirtschaftliche und technische Tüchtigkeit der Deutschen sind im Bewußtsein vieler führender Inder jene Zerrbilder der ewig Unruhe stiftenden, militaristischen Teutonen lebendig geblieben, die man hier als Nebenprodukte des englischen Bildungsgutes schon zu einer Zeit übernommen hat, als Hitler noch nicht existierte. Zwischen 1933 und 1945 erlebte man dann eine grausame Bestätigung dieser geschichtlichen Vorurteile, und heute wird das stets schlummernde Mißtrauen durch eine gehässige Ostblock-Propaganda gegen die "revanchelüsterne und kriegstreiberische Bundesrepublik" wachgehalten.

Gerade in letzter Zeit spürte man hier wieder stärker die Wirkung der kommunistischen Polemik gegen Bonn, und sie begünstigt selbst bei einem Mann wie Nehru eine Denkrichtung, die in der internationalen Diskussion über die Wiedervereinigung und über Berlin eine nicht ungefährliche Rolle spielen kann. Professor Heuss tat deshalb gut daran, in den Gesprächen mit seinen indischen Gastgebern auf die Fragwürdigkeit von Geschichtsbildern hinzuweisen, die einmal dieses und dann jenes Volk als die "bösen Buben" der Weltpolitik darstellten und die mit solch summarischen Urteilen den komplizierten historischen Tatbeständen selten gerecht werden.

Bei den verschiedenen Begegnungen mit Nehru und noch mehr bei seinen Gesprächen mit Vizepräsident Radhakrishnan und mit dem indischen Staatspräsidenten Dr. Prasad verzichtete Professor Heuss auf die Erörterung konkreter tagespolitischer Fragen; allenfalls wurde – auf den Hintergrund moral-politischer Philosophie projiziert – die Fragwürdigkeit erstarrter Geschichtsbilder diskutiert und der Nutzen der klassischen Geheimdiplomatie im Vergleich zur gegenwärtigen Schaubühnenpolitik auf internationalen Marktplätzen.