Von Dieter E. Zimmer

Als Günter Grass im vorigen Jahr den Bremer Literaturpreis nicht erhielt, den eine unabhängige Jury ihm zuerkannt hatte, war das für die Verantwortlichen zwar blamabel genug, aber es war verständlich: der Staat wollte nicht Aufsässigkeit prämiieren. Was man sich in der letzten Woche jedoch mit dem jungen französischen Schriftsteller Michel del Castillo erlaubte, war eine traurige Unverschämtheit, die es verdient, unter die Lupe genommen zu werden.

Im Herbst 1959 hatte das Bundesfamilienministerium drei Jugendbuchpreise von je 5000 DM ausgesetzt; der Arbeitskreis für Jugendschrifttum (Vorsitzender: Dr. Lambert Schneider) wurde beauftragt, die Preisträger zu bestimmen, und am 22. Juni gab die unabhängige Hauptjury ihre Ergebnisse bekannt: Den Kinderbuchpreis erhielt der Helgoländer Schriftsteller James Krüss für sein Buch „Mein Urgroßvater und ich“, den Jugendbuchpreis E. F. Lewis für „Schanghai 41“ und den Sonderpreis „Der junge Mensch in seiner Welt“ Michel del Castillo für seinen 1958 bei Hoffmann und Campe in Hamburg deutsch erschienenen autobiographischen Roman „Elegie der Nacht“, dessen vierte Auflage dieser Tage ausgeliefert wird. Achtzehn Titel hatten für diesen letzten Preis zur Debatte gestanden, und die Entscheidung war der Jury nicht leichtgefallen – genug, mit fünf gegen vier Stimmen hatte sie del Castillo den Preis zuerkannt. Man sei gewiß, so hieß es in einem abschließenden Bericht, ein „besonders markantes Buch“ gewählt zu haben. Und das hatte man allerdings.

Buchhandel und Presse stellten seither die drei Preisträger heraus, auf der Frankfurter Buchmesse widerfuhren ihnen besondere Ehrungen. Zur Feier der Preisübergabe am vergangenen Freitag in München hatte man ein Podiumsgespräch zwischen Jugendlichen und dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen veranstaltet. Da saßen die Beteiligten, Bundesfamilienminister Wuermeling, die Jury, die anderen Mitarbeiter des Arbeitskreises für Jugendschrifttum, und hörten, wie die Jungen und Mädchen fragten, welche Bücher am eindringlichsten über den „Jungen Menschen in seiner Zeit“ Auskunft gäben, welche Bücher ihnen die Wahrheit über die jüngere Vergangenheit sagten („Die Eltern sagen uns ja nicht die Wahrheit“, meinte eine Frankfurter Abiturientin) – sie hörten mit an, wie diese Abiturientin ein Buch als besonders gerecht und erschütternd und preiswürdig nannte: Michel del Castillos „Elegie der Nacht“. Und niemand rührte sich.

Michel del Castillo, der dritte Preisträger, fehlte nämlich. Wenige Tage vorher war er aus dem heiteren Himmel der Ehren, die weder er noch sein Verleger gesucht hatten, unvermittelt fallengelassen worden.

„Aus pädagogischen Gründen“, erklärte der Lektor des katholischen Herder-Verlags, Rombach, dem Arbeitskreis für Jugendschrifttum, dessen Mitarbeiter er ist.

Nach der Darstellung der Pressereferentin Wuermelings (und hier beginnen die aufschlußreichen Widersprüche) verhielt es sich aber ganz anders: Wenige Tage vor dem Münchener Festakt sei Dr. Lambert Schneider mit der Bitte ins Familienministerium gekommen, die Verleihung des Preises an den jungen Franzosen vorerst auszusetzen, weil ihm bekanntgeworden sei; daß in Frankreich und Spanien Plagiatsvorwürfe gegen del Castillo erhoben worden wären, Beschuldigungen, denen zufolge die „Elegie der Nacht“ teilweise gar nicht von ihm, sondern von seiner Mutter stamme. Und so habe man sich denn in Bonn den Bedenken Schneiders gefügt und das Auswärtige Amt beauftragt, erst einmal nachzuprüfen, ob etwas Wahres an den Vorwürfen sei.