Von Marcel Reich-Ranicki

Der ehrgeizige Biograph kann es niemandem recht machen: weder den Zeitgenossen noch sich selber noch den Lesern späterer Generatioren. Er hat unaufhörlich Angst. Die eine Seele in seiner Brust will zu viel sagen, die andere – zu wenig. Die eine ruft ihm zu: sei bescheiden! Die ancere warnt ihn: protze nicht mit deiner Bescheidenheit! Die großen und die kleinen Dämonen lahmen seine Hand: das Schamgefühl, die Eitelkeit, der Opportunismus, der Ehrgeiz und noch einige andere.

Er möchte weder ein Denkmal errichten nach eine Karikatur zeichnen. Er darf subjektiv sein und strebt doch die Objektivität an. Er will die Wahrheit sagen und ist doch immer wieder gezwungen, die Wahrheit zu umgehen. Er muß weglassen, verschweigen, retuschieren, Akzente verschieben. Denn es ist seine Pflicht, Rücksicht zu nehmen: auf seine Freunde und auf seine Feinde, auf seine Leser. Und niemand darf es um verdenken, daß er auch auf sich selber Rücksicht nimmt. Meist kapituliert er und flieht entweder ins Belletristische oder in die unverbindliche Plauderei, in die harmlose Erinnerung, ins Anekdotische.

Karl Kraus sagte, ein Aphorismus enthalte immer eine halbe Wahrheit oder anderthalb Wahrheiten. Das Gleiche gilt – vielleicht in noch stärkerem Maße – von der Autobiographie. Aber die halbe Wahrheit verzeiht man dem Romancier, hingegen nicht dem Manne, der über sein Leben und seine Zeit berichtet, also eine öffentliche Auseinandersetzung mit sich selbst riskiert. Daher ist die Reaktion auf Autobiographien nie von einem gewissen Unbehagen, von einer zunächst unerklärlichen Verstimmung frei. Sie können, scheint es, nur dann gelingen, wenn der Verfasser sich von vornherein darüber im klaren ist, daß er bestenfalls die halbe Wahrheit sagen kann. Ein solches Buch liegt uns jetzt vor –

Ludwig Marcuse: "Mein zwanzigstes Jahrhundert – Auf dem Wege zu einer Autobiographie"; Paul List Verlag, München; 388 S., 18,80 DM.

Inwiefern kann uns das Leben des Ludwig Marcuse interessieren? Im Nachwort untersucht er einige wesentliche Typen der Autobiographie. "Weshalb erzählt einer sein Leben? Vielleicht, weil man es wissen will; und man will es immer wissen, wenn mächtige Folgen da sind ... Man interessiert sich für die Ursachen nur wegen der Konsequenzen." Zweifellos richtig, aber für die Meister des Worts doch nur in beschränktem Maße gültig. Im Grunde ist für uns die Geschichte der Anna Karenina wichtiger, als die Geschichte des Grafen Tolstoi, dem sie ihr Leben verdankt. Warum eigentlich? In Flauberts kühnem Bekenntnis ist die ganze Antwort enthalten: "Emma Bovary – das bin ich."

Ludwig Marcuse hat mehrere wichtige Bücher geschrieben: über Plato, Loyola, Heine und Freud, über die "Philosophie des Glücks", den "Pessimismus" und "Amerikanisches Philosophieren". Überdies gehört er zu den wenigen deutschen Schriftstellern unserer Zeit, deren Artikel man auch dann liest, wenn man an dem behandelten Thema ganz und gar nicht interessiert ist. Dennoch kann natürlich von jenen "Konsequenzen", um derentwillen man sich mit den "Ursachen" (also der Autobiographie) befaßt, in diesem Fall nicht die Rede sein.