Der Aufstand gegen die Städte – Die Menschen werden immer älter, ihre Bauten vergänglicher – Betonstraßen voller Poesie II. Ein Reisender in Ost und West und die Summe seiner Beobachtungen

Von Alfred Fabre-Luce

Der Franzose Alfred Fabre-Luce, ein selbständiger und unabhängiger Geist, schildert seine Eindrücke und Erfahrungen, die er auf seiner zweiten Weltreise gemacht hat (die erste fand 1927 statt). In Nord- und Südamerika sah er Experimente der Architekten, die morgen unsere Umwelt prägen werden. Sein Buch "Was wird morgen sein", aus dem wir Auszüge bringen, erscheint im Nannen-Verlag, Hamburg.

Vor dem Krieg richtete man einen feierlichen Gruß an die Zukunft, wenn man am Bug des Ozeandampfers stand und New York auftauchen sah. Heute taucht das Flugzeug aus den Wolken nach unten und fliegt die Stadt von der Rückseite an. Und wenn man endlich die Spitze von Manhattan sieht, ist es keine Sensation mehr. Die Wolkenkratzer wirken weniger gigantisch als verspielt. "Was für Einfälle sie damals hatten!", sagte ein junger amerikanischer Architekt gelegentlich zu mir. Der "letzte Schrei" steht heute in der Park Avenue – Wohnblöcke aus Glas und Stahl verleihen dem Beton durch ihren Kontrast eine unerträgliche Schwere. Auch das wird vorübergehen.

Ein gewisser Zerstörungsrausch ist in der Neuen Welt spürbar. Sobald in New York ein Gebäude zum Tode verurteilt ist, werden die Fenster mit großen Papierkreuzen beklebt, eines nach dem anderen, bis schließlich alle Bewohner sich aus dem Staube gemacht haben. Im Vorbeifahren gibt der Taxichauffeur seinem Fahrgast zu verstehen, wie sehr er dieses Stück Stein verachtet, das für den Schlachthof bestimmt ist. Nach Ansicht der Ethnographen ist es das wesentlichste Kennzeichen eines primitiven Festes, daß die Arbeit eines ganzen Jahres an einem Tag vergeudet wird.

Das Neue ist schon überholt

So gesehen, sind die Amerikaner primitiv. Man wird sagen, daß nicht die Zerstörung, sondern der Aufbau sie begeistert, der dann folgt. Ich zweifle daran; denn bei dem gegenwärtigen Rhythmus, in dem Erfindungen gemacht werden, ist alles neu Errichtete schon wieder überholt. In jedem neuen Monument entdeckt man schon die Ansätze der nächsten Stufe. Amerika verehrt nicht, wie man annimmt, das Wirkliche, sondern das Imaginäre.