Am Sonntagmorgen dröhnten Düsenjäger über die Dächer von Istanbul. Im Bosporus patrouillierten Kriegsschiffe. Vor den wichtigsten Gebäuden der Stadt zogen schwerbewaffnete Wachen auf, und im Basar schwirrten die Gerüchte. Eine neue Revolution? Die politischen Ereignisse, so erklärte Staatspräsident General Gürsel mit vor Erregung zitternder Stimme im Rundfunk, seien drauf und dran gewesen, sich in gefährliche Richtungen zu entwickeln. Der General hat jetzt diese Entwicklung mit harter Hand gestoppt.

„Die türkische Mai-Revolution gleicht nicht den anderen Revolutionen in mittel-östlichen Ländern. In diesen Staaten wurde die Revolution durchgeführt, um eine Diktatur zu errichten. Wir aber haben unsere Revolution gemacht, um die Demokratie einzusetzen.“ So hatte es General Gürsel feierlich versprochen, als die Armee Menderes stürzte. Damals freilich gaben die Zweifler zu bedenken, den guten Willen, dieses Versprechen einzuhalten, möge der General wohl haben, aber Revolutionen liefen nun einmal nach ihren eigenen Gesetzen ab, und ließen sich nicht fahrplanmäßig wieder anhalten, wenn ein bestimmtes Ziel erreicht sei.

Nun hat Gürsel zumindest gezeigt, daß er fest zu seinem Wort steht. Er löste den „Ausschuß der Nationalen Einheit“, jene aus 37 Offizieren bestehende Befehlszentrale, die nach dem Sturz von Menderes gebildet worden war, kurzerhand auf und gründete einen neuen dreiundzwanzigköpfigen Ausschuß, in dem die Gruppe um den Obersten Türkesch – Offiziere, denen die Revolution zu früh aufgehört hatte – nicht mehr vertreten ist. Die Umbildung des Offizierskomitees sei notwendig geworden, so begründete Gürsel seinen drastischen Schritt, weil einige Verfügungen des alten Ausschusses in der Bevölkerung Zweifel an den Zielen des Regimes geweckt hätten. Gemeint war damit vor allem die Entlassung von 147 Professoren und Dozenten, die inzwischen unter dem Druck von Protesten stillschweigend wieder rückgängig gemacht ist.

Bei der Auseinandersetzung zwischen den gemäßigten Offizieren um Gürsel und den radikalen Heißspornen ging es freilich nicht allein um die Regierungsmethode. Es ging auch um den Zeitpunkt, wann die Türkei wieder zur Demokratie zurückkehren sollte. Gürsel hat jetzt versprochen, daß die verfassunggebende Versammlung bald zusammentreten wird und daß die Regierungsgeschäfte spätestens bis zum 21. Oktober 1961, „aber keinen Tag später“, an Zivilisten übergeben wird. Und es ging schließlich darum, ob die Demokratie überhaupt die geeignete Regierungsform für die Türkei sei.

Jene Männer um Türkesch, der hochfliegende Pläne von einem türkischen Reich träumt und, ähnlich wie Nasser, Sozialrevolutionären Ideen anhängt, halten offenbar eine gründliche, revolutionäre Umwandlung des Landes für notwendig und möchten nicht auf halbem Wege stehenbleiben. Der gesetzestreue Gürsel dagegen sieht in der Offiziersherrschaft nur eine Übergangslösung. Er hatte gegen korrumpierte Demokraten revolutioniert, nicht gegen die Demokratie. R. Z.