Ernst Beutler: 12, April 1885 bis 8. ,November 1960

Von Erich Trunz

Nach seinem 75. Geburtstag, zu dem ihn Zeichen der Liebe aus aller Welt erreichten, schrieb Ernst Beutler: "Früher habe ich den Sinn dieser Geburtstagsfeiern des hohen Alters nie recht verstanden. Jetzt kenne ich ihn. Ich habe ihn erfahren. Sie sind ein großes, beglückendes Fest der Freundschaft und eine fromme Feier des Lebens."

Vornehm, heiter, weise und zugleich witzig, ein Plauderer und Briefeschreiber voll Anmut, ein Bücher- und Bilderkenner, war er für alle, die ihn verehrten, nicht nur der Direktor des Goethehauses, sondern selbst eine lebendige Verbindung zur Goethezeit. Was ihn prägte, war Goethescher Geist: Er sah die Dinge der Welt in ihrer Fülle, doch letztlich waren sie ihm Symbol, Abglanz einer dahinter stehenden höheren Kraft. Bezeichnend für den geistigen Hintergrund seiner Forschungen, Essays und Plaudereien sind die Schlußsätze seiner Einführung zu "Dichtung und Wahrheit": "Und der Mensch? Er steht für das Göttliche In der moralischen Weltordnung, die durch die Gegenwirkung erst sich ihrer bewußt wird, wie die Fäden des Zettels erst Richtung und Halt haben durch den Einschlag. Freilich: alle vereinten sittlichen Kräfte sind dem Dämonischen gegenüber unvermögend. Nicht der Mensch, sondern Gott formt das Leben und gestaltet die Geschichte. Welches ist also dann die Stellung des Menschen? Die gleiche, die dem Urvater des Menschengeschlechtes zugemessen war: es ist die Adams, Ton zu sein in der Hand des Schöpfers."

Dies sind Beutlers Worte, nicht Goethes Worte; doch man spürt das Goethesche in ihnen, und so sind sie gemeint: selbsterlebte, leidgeborene, aus unserer Zeit erwachsene Einsicht, doch gereift an jenem, dem Beutler seine Kultur dankte und den er manchmal seinen "Meister" nannte (und im Kreise der Mitarbeiter des Museums: seinen "Chef").

Als man in Frankfurt im Jahre 1925 den 40jährigen Hamburger Bibliotheksrat Dr. Beutler, der soeben Dozent geworden war, zum Direktor des Hochstifts berief (er sagte einmal: "weil ich, als ich mich vorstellte, in einem Personenzug und 4. Klasse angereist kam"), konnte niemand ahnen, daß die Zukunftsaufgaben groß, seine Kräfte aber noch größer sein würden. Eins war freilich klar: Das Hochstift befand sich im Wandel und brauchte einen Leiter, der ihm Form gab. 1859 war es gegründet als eine Art Volkshochschule (wie es dergleichen in Deutschland damals nicht gab), in der man Vorträge hören und Bücher lesen konnte. Als Frankfurt 1866 preußisch wurde, wäre diese reichsstädtische Einrichtung, deren Farben Schwarz-Rot-Gold waren, wohl zugrunde gegangen, wenn sie nicht seit 1863 eine Aufgabe betreut hätte, die man respektieren mußte: Das Hochstift hatte das Goethehaus angekauft, es in der alten Weise hergerichtet, öffentlich zugänglich gemacht und zum Museum erweitert.

In Weimar waren damals Goethes Haus und Nachlaß unzugänglicher Privatbesitz; das deutsche Goethemuseum war also Frankfurt. Man begann, Bilder, Bücher, Möbel und Handschriften aus Goethes Kreis zu sammeln. Doch erst als Bender 1925 die Leitung übernahm, nahm das alles große Form an. Er kaufte das Nachbarhaus und eröffnete 1932 dort das Goethe-Museum, so daß Goethes Elternhaus den alten Zustand behielt und das Museum daneben die Zeugnisse aus Goethes Welt bis 1832 zeigt. Er machte die Bücherei zu einer großen literaturwissenschaftlichen Forschungsbibliothek. Und er machte durch glückliche Handschriftenkäufe das Hochstift zu einem Literaturarchiv ersten Ranges. Dabei dehnte er den Interessenkreis auf die ganze Goethezeit aus; so gelang es ihm zum Beispiel, wertvollste Brentano-Handschriften zu erwerben.