Das Amt des amerikanischen Präsidenten ist das unmenschlichste dieser Erde. Sein Inhaber ist, gleichsam als Wahlmonarch, das Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten; er ist ferner Ministerpräsident und Parteiführer. Schließlich aber, als laste diese Bürde noch nicht schwer genug auf den Schultern eines einzelnen Menschen, fällt ihm seit dem Zweiten Weltkrieg noch eine vierte Aufgabe zu: die Führung des Westens. Diese neue Dimension des Präsidentenamtes jedoch wird in den kommenden Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen als schon im vergangenen Jahrzehnt.

Woodrow Wilson, der Professor für politische Wissenschaften war, ehe er 1912 Präsident wurde, hat in Demut und Bescheidenheit einmal geschrieben: „Das Amt des Präsidenten ist viel zu groß, als daß irgendein Mann sich ehrlicherweise einbilden könne, er sei ihm ganz gewachsen; das beste, was er tun kann, ist dies: durch Würde und Selbstsicherheit den Anschein zu schaffen, er fülle es aus.“ Doch derselbe Wilson hat auch erkannt, daß jeder Präsident nur so stark sein kann, wie er selber sein möchte, daß die Rolle des Präsidenten nur so groß ist wie die Entschlossenheit des Mannes, der auf dem roten Ledersessel im Weißen Haus sitzt: „Er hat die Chance, aus seinem Amt alles zu machen, wozu ihn Klugheit und Kraft befähigen.“

In der amerikanischen Geschichte hat es drei Typen von Präsidenten gegeben. Da waren Männer vom Schlage Buchanans,die davor zurückscheuten, ihr eigenes politisches Bewußtsein zur Quelle des politischen Bewußtseins der Nation zu erheben, die sich als oberste Verwaltungsbeamte begriffen, als ausführendes Organ des Kongresses, nicht als Volksführer. Dann gab es einen Typ, der Lincolns Vorbild nacheiferte, der führte, anstatt zu folgen; der die öffentliche Meinung formte, anstatt sich von ihr formen zu lassen. Und neben diesen beiden Typen gab es noch Präsidenten wie Grover Cleveland, die ihre Macht nicht initiativ, sondern korrektiv, ja defensiv ausübten, durch ihr Veto gegen Kongreßmaßnahmen und durch gelegentliche Appelle an hehre Prinzipien.

Die Buchanan-Präsidenten waren stets schwache, die Männer vom Lincoln-Typ stets starke Präsidenten. Die beiden Roosevelts, Wilson und Truman gehören in die letzte Kategorie. Eisenhower gehört in die Klasse Cleveland: Er fühlte sich immer mehr als Schlichter denn als Führer. Er hat die Linie gehalten, aber er machte sich nie auf zu den neuen Horizonten seiner Zeit. Er hat seinem Lande die Atempause gegönnt, die es verlangte, doch hat er nicht die Anstrengungen von ihm verlangt, die die Epoche forderte. „Er war nie bereit, die Eier zu zerschlagen, die für das Omelett nötig waren“, hat Walter Lippman über ihn geurteilt. Und in der Tat: in entscheidenden Fragen – der Rassenkrieg im Süden, der Frage McCarthy, dem Problem einer besseren Erziehung der jungen Amerikaner – hat er sich immer gescheut, ein präsidentielles Machtwort zu sprechen; dies sei nicht seine Sache, sagte er. Er führte nicht, weil er nicht führen wollte.

Kennedys Konzept ist da ganz anders. „Der Sieg war knapp, aber die Verantwortung ist klar“ – mit diesen Worten schob er bei seiner ersten Pressekonferenz alle Spekulationen beiseite, wonach ihn der kleine Stimmenvorsprung zwinge, als Präsident Zurückhaltung zu üben, Kennedy zweifelt nicht daran, daß er ein eindeutiges Mandat besitzt, als Nachfolger Eisenhowers im Weißen Haus seine politischen Vorstellungen zu verwirklichen. Das einzige Hindernis auf dem Weg, den er sich während des Wahlkampfes vorgezeichnet hat, wird der Kongreß sein. Dort verfügt er zwar in beiden Häusern über ansehnliche demokratische Mehrheit, doch wird ihm die alte konservative Koalition der Süd-Demokraten und der Rechts-Republikaner zu schaffen machen, wenn er darangeht, sein liberales Reformprogramm durchzusetzen.

Einstweilen kennen wir von ihm noch nicht viel mehr als seine Wahlkampf-Versprechen, wir wissen nicht, ob er sie einlösen kann. Daß er sie einlösen will, ist indessen nicht zu bezweifeln. Seine Auffassung zum Präsidentenamt unterscheidet sich sehr von der Eisenhowers, sie schließt an die Tradition der starken Präsidenten an: Er will führen. So hat er das selber ausgedrückt:

„Der nächste Präsident muß vor allem anderen Chef der Exekutive im vollsten Sinn des Wortes sein. Er muß bereit sein, die Befugnisse seines Amtes ganz auszuüben – alle, die ihm spezifisch zugebilligt sind, und auch manche, die es nicht sind. Er muß die Verbindungskanäle zwischen der Welt der Gedanken und dem Sitz der Macht wieder eröffnen, muß wissen, wann er den Kongreß führen, wann er ihn konsultieren muß, und wann er auf eigene Faust handeln sollte. Es ist allein der Präsident, der die großen Entscheidungen unserer Außenpolitik zu treffen hat. Auch innenpolitisch muß er die Programme anregen und die Gesetze entwerfen, die den Erfordernissen der Nation gerecht werden. Und er muß bereit sein, alle Machtquellen seines Amtes anzuwenden, um sicherzustellen, daß die Gesetze auch durchgeführt werden.“