Egon Erwin Kisch und Franz Werfe! als Revoluzzer in Wien – Mit Trotzkisten und Stalinisten im Lager

Von Robert Neumann

Ich liebe sie, ich habe sie immer schon geliebt, sie sind so ernst! so unangenagt von Zweifeln! so unerschütterlich überzeugt, Besitzer einer Dauerlizenz zu sein auf, den Monopolverschleiß der edelsten Menschheitsgüter: Recht, Ehre, Freiheit, Weisheit. Vor allem: Recht! Ich wollte, ich wäre ein Kommunist. Daß ich keiner bin, hat mir persönlich immer weh getan, es ist eine kleine Tragödie.

Sie begann eigentlich schon in meiner Knabenzeit. Mein Vater war ein Bankdirektor – ich kann nichts dafür –, das allein schon gab mir einen lebenslangen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Kommunisten. Dazu war er sonderbarerweise ein Mitbegründer der österreichischen Sozialdemokratischen Partei. Austro-Marxisten nannte man sie später, sie waren militantere Sozialisten, als sie sonst in der Zweiten Internationale üblich sind. Den Bankdirektor hätten mir meine Freunde, die Kommunisten, vielleicht noch verziehen, aber militanter Sozialismus – das war ein Einbruch in ihr Monopol! Ich war ein hoffnungsloser Fall – noch bevor die Sache im Jahre 1918 passierte.

Es war ja tatsächlich eine für mich etwas beschämende Affäre. Was hatten wir gemacht? So gut wie nichts. Revolution! Es galt, die Habsburger zu stürzen. Egon Erwin Kisch führte das Bataillon. Er war der Älteste von uns und hatte militärische Erfahrung, er war im Kriegspressequartier gewesen. Stalin hatte wenige Jahre zuvor den Postwagen eines georgischen Eisenbahnzuges gestürmt – wir stürmten den Wiener Bankverein. Franz Werfel repräsentierte den rechten Flügel, mit einem anderen Dichter namens Krzysanowsky, einem liebenswerten Mann, der später verhungert ist, und mit einem Verkäufer von Herrenhemden.

Ich war zu jener Zeit ein Sportsmann, man sieht es mir leider nicht mehr an, aber ich war der kräftigste von ihnen allen. Doch hatte ich eigentlich beschlossen, lieber Pazifist zu werden, die Erstürmung des Bankvereins sollte meine letzte revolutionäre Tat sein – Banken, Bankdirektoren, nicht wahr, es war eine Art Ödipuskomplex. Darum vertraute Genosse Kisch mir nur noch die Nachhut an. Ich sollte der Offensive den Rücken decken, und als Deckung für diese Deckung wählte ich eine strategisch placierte Bedürfnisanstalt auf dem Votivplatz. Er wurde bald darauf umgetauft in Heldenplatz. Ob nach mir?

Kommandant der Nachhut