Über Ouro Preto, eine alte unzerstörte Kolonialstadt im emanzipierten Brasilien, sagte ein Besucher: "Es ist eine Stadt, in der man einige Dinge über sich selbst erfährt Die Einwohner der amerikanischen Metropole verlernen im Gegensatz dazu von Tag zu Tag mehr ihre Vergangenheit. Man sieht, wie sie sich Mühe geben, die Stadt so zu rekonstruieren, wie ihre Kinderaugen sie gesehen haben. Sie sagen: "Hier hat ein Bauernhof gestanden Oder: "Wo diese Straße läuft, war früher ein geschütztes Tal mit einer Teeplantage " Sie sagen es, aber sie fühlen es nicht mehr. Die entschwundenen Landschaften haben die Erinnerungen mit fortgenommen, die daran geknüpft waren. Amerika ist voller verloren umherirrender Greise, die auf der umgebauten Bühne herumtasten und vertraute Gegenstände berühren, um sich ihrer Gegenständlichkeit zu versichern. Vierzig von ihnen tagen jeden Donnerstag in einer Nachahmung des Kleinen Trianon: Das ist die brasilianische Akademie. Ihre Mitglieder sind denselben Riten unterworfen wie die der Academie Fran9aise, aber ihre Gewänder sind goldfarben statt grün. Sie haben mich in einem Saal voll Erinnerungen an berühmte Lokalschriftsteller empfangen: das Tintenfaß des Machado von Assis, der Bug eines Schiffes, auf dem ein Poet Schiffbruch erlitt, retuschierte Totenmasken mit geläutertem und erhabenem Gesichtsausdruck. Ich fand sie humpelnd und heiter vor wie ihre Mitbrüder in Paris. An jenem Tag prüften sie gerade das Modell des Pantheons, das ihnen die Nation errichten wird. Dieses Grabmal sieht aus wie ein Theater mit geschlossenen Vorhängen (eine Komödienbühne ohne Zweifel, denn sie kicherten, als sie das Modell betrachteten). Eine Stunde lang haben sie mich mit Kaffee aufgeputscht, mit Passiflorin wieder beruhigt und mit einem klassischen Französisch erfreut, das sie perfekter sprachen als die Franzosen in Frankreich. Dann hat mich einer dieser Unsterblichen zu sich entführt, in das einzige bürgerliche Viertel von Rio, das dies Jahrhundert noch nicht verwüstet hat. Rund um das Kolonialhaus mit seinen weißhölzernen Galerien breitete sich der Garten; er war nicht groß, aber das dichte Blätterwerk und die verborgenen murmelnden Springbrunnen ließen ihn riesig wirken. Ein kleines Mädchen spielte zwischen den Lianen. Ich stellte mir vor, wie köstlich es für ihren Verlobten sein würde, die jungfräuliche Wildnis in ihr zu entwirren, und ich bedauerte die Mädchen ohne Geheimnis, die in modernen Wohnungen groß werden.

Heute sucht man Verinnerlichung nicht mehr in Gärten. Es kommt vor, daß man sie im Mauerwerk entdeckt. Zum Beispiel in dem großen Straßentunnel, der Maiquetia mit Caracas verbindet und auf den die Venezolaner sehr stolz sind. Der Stolz klingt auf in dem Hornsignal, das ihn ankündigt, in der Helligkeit des Neonbandes, das sich durch ihn hindurchzieht, in der gedämpften Weichheit der grünen Lichter, die ihn rhythmisieren. Man denkt einen Augenblick an den versunkenen Schatz, dessen Name inzwischen schon ein wenig albern klingt: Seele. In einem anderen Tunnel, der von Rio nach Copacabana läuft, erinnert das bestirnte Gewölbe an den Himmel von früher, ohne Flugzeuge und Sputniks.