Rio de Janeiro im November

Das Erfolgsgeheimnis des neuen brasilianischen Staatspräsidenten Janio Quadros ist sein Symbol: der Besen. Weder Sichel und Hammer, noch Hakenkreuz, noch Rutenbündel – ein Besen. Das Programm dieses ganz und gar unkonventionellen Politikers läßt sich leicht auf eine Formel bringen: gründliches Reinemachen ohne Zerstörung. Sie ist – das hat sich in Brasilien bereits herausgestellt – eine recht wirksame Antwort auf das Zaubergefasel der Kommunisten.

Daß die brasilianischen Kommunisten sich der Gefahr dieser "Ideen-Konkurrenz" voll bewußt sind, beweist die Tatsache, daß sie bei der letzten Präsidentschaftswahl für Marschall Lott Partei genommen haben, obwohl der Marschall erklärt hatte, er werde nicht nur das Verbot der kommunistischen Partei beibehalten, sondern lehne auch jegliche Annäherung an Sowjetrußland ab, sei sie politischer oder kommerzieller Art. Quadros dagegen hatte angekündigt, er wolle die Ausfuhr brasilianischer Waren und Erzeugnisse nach allen Ländern energisch fördern, also auch in die Sowjetunion. Dennoch stimmten die Kommunisten Brasiliens nicht für diesen "Kandidaten des Volkes", sondern für den Marschall Lott, der Tradition und Militarismus verkörpert.

Erwägt man diese Einstellung der brasilianischen Kommunisten, dann wird sogleich einleuchtend, warum gerade auch die besitzenden Schichten im Lande dem Politiker Quadros, der Ende Januar sein Amt als Nachfolger Kubitscheks antritt, zuneigen. Ein Kehrbesen – mag er auch noch so viel Krach machen und Staub aufwirbeln – ist immerhin besser als der betäubende Schlag eines Hammers oder gar der Schnitt einer Sichel.

Der neue Präsident Brasiliens, Janio de Silva Quadros, im Volksmund "Janio" genannt, wurde am 25. Januar 1917 im Staate Mato Grosso geboren und wohnt seit 1930 in São Paulo. Seine erste Wahl – damals ging es um den Posten des 1. Sekretärs der Universitätsvereinigung – gewann er als Student der Rechtsfakultät in der ihm eigenen pittoresken Art: Er saß auf einem Faß. An seinem Hut trug er ein Band, auf dem stand: "Stimmt für Janio Quadros!"

Nicht minder pittoresk und bezeichnend für seine Eigenwilligkeit (seine Gegner freilich nennen sie Demagogie) ist ein Vorfall aus jener Zeit, da er an einer der bekanntesten Schulen São Paulos Portugiesisch und Geographie lehrte. Als einer seiner Zöglinge ihm eines Tages ein verschmiertes Heft vorlegte, befahl der Lehrer Janio Quadros energisch: "Raus aus der Klasse!" Bevor der Schuler jedoch die Tür erreicht hatte, herrschte Quadros ihn an: "Aus dem Fenster! Sie sind es nicht würdig, diese Türschwelle zu überschreiten!"

Doch niemand – seine Schüler nicht und auch nicht seine Wähler – nahmen ihm seine Temperamentsausbrüche übel. 1948 hatte er seinen ersten politischen Erfolg: er wurde Stadtverordneter.