Marion Gräfin Dönhoff: "Ohm Krügers später Sieg", ZEIT Nr. 42

Als ich Ihren Bericht las, fiel mir eine Begebenheit ein, die bis in jene Zeit des Burenkrieges zurückgeht.

Es war im Herbst des Jahres 1907. Kaiser Wilhelm II., der sich in Königsberg zur Einweihung des restaurierten Domes befand, hatte sich bei dem Wirklichen Geheimen Rat Exzellenz Graf Dönhoff zu Friedrichstein, dem Vater von Marion Dönhoff, die damals aber noch nicht das Licht der Welt erblickt hatte, zu einem privaten Besuch für den Nachmittag angemeldet. Dem Wunsche des Kaisers entsprechend, durften sich, um den privaten Charakter des Besuches zu wahren, nicht – wie sonst bei solchen Anlässen üblich – Kriegervereine pp. in Paradeaufstellung aufbauen. Diese stellten sich daher einige Kilometer entfernt an der Grenze des Besitzes auf und hatten das erhebende Gefühl, SM im Auto in schneller Fahrt an sich vorbeirollen zu sehen. Der Gutsbezirk selbst war durch einen dichten Kordon von Gendarmen hermetisch abgesperrt.

Ich gehörte zu den Bevorzugten, die Zutritt zu dem Platz vor dem Schloß hatten, da mein Vater damals die Begüterung verwaltete und ich gerade zu den Ferien zu Hause war. Überall große Unruhe. Bloß der Graf, der erst kurz vor der planmäßigen Ankunft des Kaisers in seiner bekannten verwitterten Feld-, Wald- und Wiesengarnitur erschien, ließ sich in keiner Weise zur Eile drängen. Dann kam der Augenblick, wo der Kaiser auf die Minute pünktlich anrollte, und wenig später – und eben darum erzähle ich diese Begebenheit – erfuhren wir dank der Anwesenheit des Monarchen als erste eine hochpolitische Tagesneuigkeit.

Zwischen 1904 und 1907 fanden die blutigen Kämpfe zunächst mit den Hereros und dann mit den Hottentotten in Deutsch-Südwestafrika statt. Der Führer der Hottentotten hatte sich dem Zugriff der Schutztruppe durch Rückzug in die Wüste Kalahari entzogen und wurde dort von unseren Truppen gejagt. Diese wichtige Nachricht platzte in die abgeschiedene Landstille Ostpreußens hinein. Sie kam nicht über Draht, dem einen Fernsprechanschluß besaß Schloß Friedrichstein nicht, sondern wurde von einem radelndei Boten überbracht. In Abständen von je zehn Minuten kam ein Depeschenbote nach dem anderen von dem mehrere Kilometer entferntet Postamt Löwenhagen per Fahrrad angesaust, um den Kaiser mit den neuesten Nachrichten zu versorgen.

Dieses kleine Ereignis hatte noch eine Nachwirkung für Friedrichstein. Der Kaiser erklärte: "So etwas kann ich aber den armen Postboten, nicht noch einmal zumuten." Und wirklich, in nächsten Jahr, als die Kaiserin nach Friedrichstein kam und ihr zu Ehren von dem Posaunenchor der Kirche Löwenhagen das eigens hierfür eingeübte Lied "Schleswig-Holstein meerumschlungen" zur Begrüßung vorgespielt wurde, gab er nicht nur im Schloß Telephon, sondern auch mein Vater auf dem Nebengut hatte seinen Fernsprechapparat im Zimmer hängen. Das war 1908.

Gerhard Hand, Bredstedt