Lyrik aus fremder Zunge in die eigene zu übertragen, ist eines der selbstlosesten Geschäfte: je besser das Werk gelingt, desto sicherer fällt der dabei herausspringende Ruhm doch wieder dem originalen Urheber zu, nach dem bekannten Motto: "Wer schon hat, dem wird noch dazugegeben". Es ist ein schönes Zeichen, daß sich immer wieder einer findet, der dieses reine Liebesamt hartnäckig con amore verwaltet.

Ein solcher ist Georg Schneider, von dem der Verlag Albert Langen/Georg Müller soeben neben einer Anthologie "Fasching-Fastnacht-Karneval" (mit Illustrationen von Fritz Fischer) und einer Sammlung von deutschen Neujahrsgedichten ("Salut Sylvester") ein Bändchen Übertragungen von Liedern Shakespeares (deutsch und englisch nebeneinandergestellt) herausbrachte, die sich durch hervorragende Lebendigkeit bei tunlichster Originaltreue auszeichnen und sich ob ihrer dichterischen Ursprünglichkeit in einem Zuge von Anfang bis Ende durchlesen lassen (wenn schon dies nicht in der Absicht lyrischer Gebilde liegt). Solche sprachliche Überredungskraft kann nur einem Manne eigen sein, der es nicht bei der Beschäftigung mit fremdem Geistesgut bewenden läßt, der selber ein Dichter von Belang und Gewicht ist.

Dies bestätigt ein weiterer Band von

Georg Schneider: "Atem der Jahre"; Albert Langen/Georg Müller Verlag, München; 136 S., 3,80 DM.

Wie der Titel schon sagt, handelt es sich um eine Ernte von Jahren. Dafür ist sie vielleicht zahlenmäßig nicht umwerfend; aber das ist noch nie ein Maßstab für künstlerische Produktivität gewesen. Entscheidend ist das prägnante Gesicht eines Menschen unserer Zeit, dessen Feder in manchmal befremdend nüchternen Formulierungen leidenschaftliche Erlebnisbereitschaft verbirgt. Womit schon gesagt ist, welche Bedeutung hier (wie in jeder Kunst von Rang) die Bemeisterung des Materials des Wortes hat. Des Wortes, das sich stets von neuem an der Gestaltenfülle und dem Gestaltwandel der Wirklichkeit verjüngt. A-th