Von Ludwig Marcus

Liest man „Der Mann und das Werk“, so kann man ziemlich sicher sein, was kommt: etwas über Eltern, Mädchen, Ehe, Kinder und Tod. Nachdem die Biographen das mehr oder weniger umständlich hinter sich gebracht haben, kommt dann immer das „Richtige“: Opus 1 bis...

Das „Richtige“ – das ist strikt gesellschaftlich gedacht. Die Gesellschaft hat mehr vom Haltbaren, dem Buch, als vom Flüchtigen, den 72 nicht recht greifbaren Jahren. Die „Kultur“ besteht aus Büchern – nicht aus gelebtem Leben. Für uns Museumsbesucher sind also nur die sublimen Petrifikationen der Tage, Stunden und Jahre wichtig. Wobei in der Regel eine Kleinigkeit nicht beachtet wird: daß Rembrandt und Beethoven nicht Kultur machten, sondern auf einer Ebene lebten, auf welcher ihr Leben zu Werken gerinnen konnte. Vom Schöpfer her ist das Werk ein Nebenprodukt.

Ahnt man heute die Bedeutung des Hauptprodukts? Drückt sich diese Ahnung aus in dem wachsenden Interesse für Briefsammlungen, Tagebücher und Selbstdarstellungen, Verschlüsselungen minderen Grades? Auch sie können verkappte Werke sein; oder die Nachfahren Verkappen sie, indem sie alles Lebendige (in der Sprache: Private) eliminieren und aus einer Korrespondent einen Essay-Band herstellen.

Das wäre mit unserem Schopenhauer nicht zu machen, selbst wenn es noch eine Urenkelin xten Grades gäbe und das Besitzrecht am Buchstaben des Ahnherren auf 200 Jahre ausgedehnt wäre.

Aus dem Titel

Arthur Schopenhauer: „Mensch und Philosoph in seinen Briefen“, herausgegeben von Arthur Hübscher; F. A. Brockhaus Verlag, Wiesbaden; 207 S., 11,60 DM