A. d. F., Rom, im November

Die große politische Kraftprobe, der sich die italienischen Parteien bei den jüngsten Kommunal- und Provinzwahlen unterwarfen, hat die christlich-demokratische Regierung Fanfani nicht gestärkt. Das Quartett, das Fanfani unterstützt – Democrazia Cristiana, Sozialdemokraten, Liberale und Republikaner – hat zwar noch immer die absolute Mehrheit der Wähler hinter sich, aber seine Sicherheitsmarge ist kleiner geworden.

Gewiß ist der Stimmenanteil der Mittelparteien seit den Parlamentswahlen von 1958 nur von 51,9 vH auf 51,3 vH zurückgegangen. Andererseits aber ist die rote Flut gestiegen. Die Kommunisten haben 24,5 vH der rund 25 Millionen Stimmen erhalten, die bei den Provinzwahlen abgegeben wurden, wodurch die Verluste der zwischen Demokratie und Kommunismus schwankenden Nennisozialisten mehr als ausgeglichen wurden. Der Anhang der Linksradikalen macht jetzt zusammen rund 39 vH aus. Insgesamt ist also eine Verschiebung nach links festzustellen.

Das interessanteste Phänomen ist der Vormarsch der KP im norditalienischen Industrierevier. In den letzten fünf Jahren hatten sich die gutverdienenden Fabrikarbeiter im Dreieck Mailand-Turin-Genua zunehmend von den Kommunisten abgewandt. Ein Teil dieser "Arbeiter-Aristokratie" ist jetzt indessen "rückfällig" geworden. Da auch die Sozialdemokraten gut abgeschnitten haben (früher 4,7 vH., jetzt 5,7 vH.), ist anzunehmen, daß in Norditalien ein Klärungsprozeß im Gange ist. Die sozialistischen Arbeiter sind der politischen Balance-Kunststücke Nennis überdrüssig. Ein Teil der Nenni-Anhänger wendet sich offenbar den Kommunisten zu, ein anderer dem Reform-Sozialismus Saragats.

Ein zweites Phänomen ist der Widerstand, den der labile Süden des Landes dem Vordringen der Linken geleistet hat. Dort hat die Democrazia Cristiana besser abgeschnitten als in Nord- und Mittelitalien, wo ihr viele bürgerliche Wähler die Quittung dafür erteilten, daß sie während der ersten Jahreshälfte mit Nenni kokettierte. Nicht zufällig hat der linkskatholische Schwarmgeist La Pira, der von sozialen Utopien und konfusen Koexistenz-Ideen erfüllte ehemalige Bürgermeister von Florenz, den stärksten Aderlaß der christlichen Demokraten verursacht: Florenz ist eine kommunistische Hochburg geworden.

Die im Süden des Landes vorwiegend rechtsgerichtete Democrazia Cristiana hat hingegen wenigstens einen Teil der Konkursmasse der monarchistischen Partei gewonnen. Mit Ausnahme von Neapel, wo der Reeder und Monarchistenführer Laura noch immer einen großen persönlichen Anhang hat, haben die Getreuen des Exkönigs Umberto II. fast keine Anziehungskraft mehr; sie haben über eine halbe Million Wähler verloren. Davon ist etwa die Hälfte zu den Neofaschisten übergelaufen, ein Teil aber auch zu den Kommunisten und Sozialisten.

Unmittelbare Folgen auf den Bestand der Regierung dürften die Wahlen nicht haben. Wohl aber könnten die Schwierigkeiten, die in einem Dutzend Großstädten für die DC entstanden sind, die Fehde zwischen ihrem linken und rechten Flügel wiederbeleben. In Rom, Mailand, Genua, Florenz, Venedig, Palermo und noch einigen anderen Städten haben die Parteien der Mitte keine Mehrheit. Dort stehen die Christlichen Demokraten vor der peinlichen Alternative, entweder mit den Sozialisten oder mit den erstarkten Neofaschisten zusammenzugehen. Die christlich-demokratische Leitung hatte jedoch vor der Wahl versprochen, auch in den Gemeinden kein Bündnis mit den Kommunisten und Neofaschisten zu dulden.