Weg von den Pisten! – Orientierungslauf im Hochschwarzwald

Von Peter Mörser

Von den Sonntagsreden vaterländischer Minister bis zu den Schlafzimmergewohnheiten exotischer Potentaten erfahren wir manches. Wer aber untersteht sich zuzugeben, er habe es mitten im Januar auf dem Feldberg, 1500 m ü. d. M., Bindfäden regnen sehen? Es bleibt aber dabei: Die Schneesicherheit des Schwarzwaldes ist eine Illusion. Der älteste Schwarzwälder ist der Föhn, der unbeeindruckt von den Reiseprospekten par le pont d’Avignon und durch die burgundische Pforte das Wiesental hinauf weht und das trauteste Wintermärchen über Nacht in Sumpf und grüne Weide verwandelt, so oft es ihm beliebt. Es beliebt ihm sogar im Hochwinter mit großer Regelmäßigkeit. Das Skilaufen im Schwarzwald ist somit eine meteorologische Glücksache, was Zermatt, Arosa, Obergurgl und Sölden nicht nachgesagt werden kann. Andererseits ist natürlich oft herrliches Skiwetter an Allerheiligen, auch finden sich am Ersten Mai regelmäßig Schneewehen auf der Schauinsland-Straße zum Verdruß hergelaufener Motorsport-Enthusiasten.

Allenfalls die höchsten Lagen des Feldberg-Massivs bleiben verschont von den Tücken des Wetters, Doch stäubender Pulverschnee wird niemals alt im Schwarzwald, eher schon der Harsch und die vereisten Pisten.

Mit Gewalt alpin

Damit sind wir schon bei der zweiten Illusion, die sich viele Flachländer über den Schwarzwald machen: Sie wollen dort mit Gewalt alpinen Pisten-Skilauf betreiben, so wie dieser sich in Film und Fernsehen als Toni Sailers große Masche präsentiert. Da der Schwarzwald aber, wie der Name sagt, im wesentlichen aus Wald besteht, kristallisiert sich nahezu der gesamte Skibetrieb um einige Hügel vom Umfang weniger Quadratkilometer, die sich an den Fingern einer Hand aufzählen lassen: Der Zeller Hang, der Seebuck, das Fahler Loch – alle zwischen Feldberg und Herzogenhorn – dazu das Todtnauer Hasenhorn und ein Hügel in Muggenbrunn. Die einzige dieser mit Skilifts mehr oder minder zwergenhaften Formats ausgestatteten Abfahrten, welche notfalls als alpin angesprochen werden kann, ist die Hasenhornpiste. Sie führt von 1100 Meter auf 700 Meter hinunter und kommt daher im unteren Bereich über Schneehöhen von 20 Zentimeter meist nicht hinaus.

Wenn sich auf diesen fünf Hügeln nun nicht nur die Kurgäste, sondern an schönen Wochenenden auch noch die Mehrheit der Skijugend Südbadens. und Basels „ergeht“, dann treten dort Zustände ein, die mit Skilauf nicht mehr das mindeste gemein haben, wobei allein das Naturrecht über jedes Fleckchen Platz (zum Gehen, Stehen, Sitzen, Parken, Liften und Abschwingen) entscheidet. Die Folgen dieser Schlachten, wie sie sich fähr – die Nordische Kombination gewonnen hat. Wer weiß schon, was das ist: nordischer Stil? Nicht jene Bewegung des Wedeins, deren Ästhetik – wenn gekonnt! – in so krassem Gegensatz zu ihrer Nutzanwendung steht, nicht der eintönige, aber sichere Kreislauf, frierend bergauf und schwitzend bergab, an immer der gleichen plattgewalzten Stelle. Wer weiß noch, daß die Avantgardisten des deutschen Skisports – unterm Hohngelächter der Zeitgenossen – am guten alten Feldbergerhof ihre aus Norwegen mitgebrachten Bretter unterschnallten und nicht etwa auf dem Zugspitzplatt?