b. k., Berlin, im November

So verschieden auch die Stellung der Kirche in der Bundesrepublik und in der Sowjetzone ist, die Sorgen sind in beiden Teilen Deutschlands ähnlich. Zwar ist die Kirche in der Bundesrepublik nicht äußerem Druck ausgesetzt wie in der Zone, aber hüben wie drüben mangelt es ihr an innerer Aktivität. Zu dieser alarmierenden Feststellung kam die Synode der Evangelischen Kirche der Union (EKU), die in der letzten Woche in den düsteren Gemächern des Stöckerstiftes im Ostberliner Bezirk Weißensee tagte.

Die "Union" ist der Restbestand der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, die 1817 auf königliches Geheiß gegründet wurde, um die preußischen Untertanen lutherischer und reformierter Konfession zu einer Religionsgemeinschaft zu verschmelzen. Dieses viel kritisierte Einigungswerk hat ein erstaunliches Beharrungsvermögen gezeigt.

Unter zeitgemäßem Verzicht auf das Beiwort "altpreußisch" umfaßt die Union heute die Evangelischen Kirchen im Rheinland, in Westfalen, Berlin und Brandenburg, in den zur Sowjetzone gehörenden Westzipfeln der alten Provinzen Schlesien und Pommern, ferner die Kirchen im Gebiet der einstigen Provinz Sachsen und – nach jüngstem Beschluß – auch die anhaltinischen Gemeinden. Die in Berlin-Weißensee versammelten 105 Synodalen repräsentierten daher eine gesamtdeutsche Gemeinschaft.

Die Sorgen der Synodalen gelten denn auch nicht allein der Kirche in der Zone. Der Vorsitzende des Rates der Union, Präses Dr. Beckmann (Düsseldorf), sprach davon, in welch beängstigendem Maß das Mißverhältnis zwischen den Zahlen der Konfessionsstatistik und der inneren Aktivität der evangelischen Gemeinden während der vergangenen Jahre zunehme. Die Entwicklung in Ost und West ist dabei keineswegs so unterschiedlich, wie die unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse zunächst vermuten lassen. Auch dort, wo sich die Kirche des staatlichen Wohlwollens erfreuen kann oder gar durch konkordatsähnliche Staatsverträge in ihrer äußeren Sicherheit garantiert wird, stößt ihre Botschaft auf einen Wall von Zweifel, Mißtrauen und Gleichgültigkeit.

Freilich gilt die Hauptsorge nach wie vor der Evangelischen Kirche in der Zone. Im Strom der Flüchtlinge haben – wie Präses Beckmann berichtete – auch viele Gemeindemitglieder und geistliche Amtsträger die Sowjetzone verlassen. Es sind dadurch so alarmierende Verhältnisse geschaffen worden, daß die Evangelische Kirche der Union sich genötigt sieht, ihren Mitgliedern ins Gewissen zu reden. In Kürze wird ein "Wort an die Gemeinden" veröffentlicht werden, in dem daran erinnert werden soll, daß es nicht zur Freiheit des Christen gehören kann, den Platz, auf den er gestellt ist, nach Belieben zu verlassen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in den Nachkriegsjahren an Temperament verloren. Die vermeintlich notwendige Anpassung an die Erfordernisse der Massengesellschaft hat die Entwicklung zum kirchlichen Management begünstigt. Es wird viel verwaltet, viel administriert, die Zahl der Stabsstellungen in der Kirche hat sich vermehrt, aber wichtige Positionen an der Front der Seelsorge und der Diakonie sind verwaist.