J. K., Paris, im November

Auf das deutsch-französische Verhältnis ist dieser Tage ein kleiner Schatten gefallen. Diesmal sind es nicht die Europapläne de Gaulles, die Mißbehagen hervorrufen, sondern ist es die deutsche Agrarpolitik, die in Paris Mißstimmung erregt hat.

Frankreich erzielt seit dem Sommer dieses Jahres einen Rindfleischüberschuß. Es mußten bereits 40 000 t Fleisch, zum Teil in besonders dafür eingerichteten Gefrierschiffen, eingelagert werden. Zwar wurden im September 10 000 t exportiert, aber das genügt nicht, um den Markt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Bundesrepublik wäre ein guter Absatzmarkt, aber sie läßt aus gesundheitspolizeilichen Gründen kein französisches Rindfleisch herein: In Frankreich herrscht immer noch die Maul- und Klauenseuche. Das gibt man auch in Paris zu, aber in den für Fleischlieferungen in die Bundesrepublik ausgewählten 18 östlichen Departementen ist in den letzten Monaten die Seuche derart energisch bekämpft worden, daß diese Gebiete heute nahezu seuchenfrei sind.

Die deutschen sanitären Behörden trauen diesem Frieden nicht recht; sie wollen noch etwas abwarten, ehe sie grünes Licht für die Einfuhren geben. Das hat die Franzosen stark verärgert. Agrarminister Rochereau hat seinen auf den 5. November festgesetzten Besuch in Bonn kurzerhand abgesagt, als er erfuhr, daß die Fleischeinfuhren nach Deutschland vorderhand noch gesperrt blieben. Paris klagt Bonn an, sanitäre Überlegungen als Vorwand zu gebrauchen, um Fleisch-Importe aus Drittländern, die gute Abnehmer deutscher Industrieerzeugnisse sind, zu forcieren.

Als Beispiel nennt man in Paris den kürzlich vorzeitig erneuerten deutsch-dänischen Handelsvertrag, der erhöhte Fleischlieferungen in die Bundesrepublik vorsehe. Aus Argentinien beziehe zudem die Bundesrepublik nach wie vor Fleisch, obgleich auch dort die Maul- und Klauenseuche herrsche. Es werde also mit zweierlei Maß gemessen, behauptet man in Paris und fragt, wo da die EWG-Solidarität bleibt. Bereits werden auch verschleierte Drohungen ausgesprochen, daß Frankreich sich gezwungen sehen könnte, seine ganze EWG-Politik zu "überprüfen", falls man in Bonn nicht bald besseren Willen an den Tag lege.

Auch die Preispolitik, die die Bundesrepublik auf dem EWG-Agrarsektor anstrebt, stößt in Paris auf Unbehagen. Zwar fordern auch die französischen Bauern dauernd höhere Preise für ihre Erzeugnisse, aber sie sehen doch ein, daß die hohen deutschen Preise auch ihre Interessen tangieren würden. Frankreich erzielt bereits bei seinen gegenwärtigen Agrarpreisen (den niedrigsten in der EWG) schon beträchtliche Getreide- und Fleischüberschüsse. Würden die Erzeugerpreise noch weiter erhöht, dann würde die Produktion noch stärker wachsen. Damit würde die Gefahr, daß man auf hohen Überschüssen sitzenbleibt, zunehmen.

In französischen Produzentenkreisen ist man sich allerdings nicht immer der Notwendigkeit genügend bewußt, daß der Verkäufer im Dienste des Käufers stehen soll und sich den Wünschen, dem Geschmack und den Vorschriften im Abnehmerland soweit wie möglich anzupassen hat. Auch französische Behörden geben zu, daß in dieser Hinsicht noch manches zur Erziehung des Erzeugers und der Exporteure getan werden muß. – Jedenfalls zeigt der "Rindfleisch-Zwischenfall", daß bis zur Errichtung eines gemeinsamen Agrarmarktes noch ein steiniger und dornenreicher Weg zurückgelegt werden muß.