London, im November

Der wütende Widerstand, der sich bei einem Teil der englischen und schottischen Öffentlichkeit gegen das britisch-amerikanische Polaris-Abkommen erhoben hat, hat nicht nur in Washington peinlich überrascht. Ministerpräsident Harold Macmillan hat, als er vor neun Monaten dem Beginn von Geheimverhandlungen über die Frage zustimmte, wohl kaum geahnt, wie heftig die Proteste im eigenen Lande gegen das Projekt sein würden.

Die Vereinbarung sieht vor, daß die Amerikaner in der kleinen Meeresbucht Holy Loch, etwa vierzig Kilometer von Glasgow entfernt – der zweitgrößten Stadt Großbritanniens – ein Fahrzeug verankern dürfen, das den Polaris-U-Booten als Depotschiff dient. Ihm soll sich später ein Schwimmdock zugesellen.

Diese Einrichtungen sollen den Stützpunkt für ein Geschwader bilden, das allmählich neun U-Boote umfassen wird. Da diese Boote von Schottland und nicht von dem neun Tagereisen entfernten Amerika aus operieren, gewinnen sie für die Verteidigung des Westens an Schlagkraft.

Die englische Regierung schätzte diese Abmachung aus zweierlei Gründen. Sie ist ähnlich wie Washington davon überzeugt, daß die Sowjets einen Atomkrieg – aus Gründen der Selbsterhaltung – nicht vom Zaun brechen werden. Sie befürchten jedoch, daß sich Moskau – ebenfalls aus Gründen der Selbsterhaltung – in einer schweren internationalen Krise versucht sehen könnte, einem vermuteten Angriff des Westens zuvorzukommen und alle Raketenbasen des Gegners zu vernichten. Ein solcher Schlag ist aber aussichtslos, sobald diese Waffen nicht mehr an festen, der Sowjetspionage bekannten Standorten stationiert sind, sondern auf U-Booten, die irgendwo im weiten Ozean untergetaucht sind. Die Gefahr eines Atomkrieges nimmt also ab.

Dies ist der eine Grund. Der andere beruht auf der Erkenntnis, daß England um so stärkeren Einfluß in Washington ausüben kann, je mehr die Verteidigung der USA mit derjenigen Englands verzahnt ist. Churchills Wort, die beiden angelsächsischen Demokratien müßten "in einigen Dingen zum gemeinsamen Vorteil durcheinandergemischt werden", gilt auch noch heute in London als Staatsweisheit – obwohl es vor zwanzig Jahren gesprochen wurde.

Was das Kabinett an der Themse Anfang des Jahres nicht voraussehen konnte, war das Anwachsen des sogenannten Unilateralismus, der Forderung nach einseitiger Abrüstung auf atomarem Gebiet. Dies englische Gegenstück der Bewegung gegen den Atomtod erhielt im Frühling und Sommer derartigen Auftrieb, daß seine Vorkämpfer im Herbst auf dem Labour-Parteikongreß von Scarborough gegen den Widerstand des Parteiführers Gaitskell die Mehrheit für sich gewinnen konnten. Sie hatten sich schon lange darüber erbost, daß die Insel nicht nur ihre eigenen Kernwaffen besaß, sondern obendrein den Amerikanern noch als Nuklear-Arsenal diente und vor Raketen, Atombomben und anderen Schreckenswaffen strotzte, stärker als irgendein anderer Teil von NATO-Europa. Eine neue auf England gestützte Atomwaffe mußte für sie daher wie ein rotes Tuch wirken