Es begann mit den aufgebohrten Zahnpastatuben. Ein kluger Kopf hatte den konsumsteigernden Effekt erkannt, den größere Öffnungen nach sich ziehen. Im Handumdrehen hatten trotz Kartellverbot alle Tuben größere Löcher. Das schafft Platz. Bald darauf begann das Spiel mit dem 1-kg-Vorrat. Wer als Junggeselle etwas Salz oder Zucker kaufen wollte, mußte sich fünfhundert Gramm, später gar tausend Gramm erstehen. Nach einer Weile verklumpte das Salz, wurde naß und weggeworfen. Man kaufte neues.

Käse, in der keimfreien Packung zu zweihundertfünfzig Gramm: Geduldig schob man statt des empfohlenen Obsttages einen Käsetag ein. Der Rest fliegt auf den Müllhaufen. Die Müllabfuhr fährt täglich ungezählte Tonnen verdorbener Lebensmittel in Richtung Dreckberg. Auch diese Transporte kosten Geld und steigern die Nachfrage nach größeren Müllschluckern.

Doch nicht nur der Lebensmittelhandel bediente sich dieses Gashebels zur Beschleunigung des Verbrauchs. Von heute auf morgen verschwand die Sechserpackung aus den Zigarettenautomaten. Wer sechs Zigaretten verträgt, wird sich auch an das Dezimalsystem gewöhnen. "Der Verbraucher schätzt die sich immer gleichbleibende Zehnerpackung", fanden die Werbechefs heraus. Auf der letzten Jahresmitgliederversammlung des Verbandes der Großabnehmer im deutschen Tabakwarengroßhandel sprach man schon von der neuen Norm. Als Folge des steigenden Verbrauchs werde in Anpassung an die Internationalen Verkaufseinheiten möglicherweise auch die 12er Packung fortfallen. Der Automatenkäufer. von morgen kauft Packungen mit zwanzig Zigaretten.

Was dem Tabakwarenhandel die 20er-Packung ist, das ist der Papierindustrie die Toilettenpapier-Packung mit jeweils drei Rollen für den modernen Haushalt. Bis vor wenigen Tagen konnte man Eier in zweckmäßigen Eierkartons kaufen. Sechs Stück pro Karton, die sich bequem tragen ließen und nicht zerbrachen. Nun muß man diesen Vorteil auch schon vereinzelt mit einem Zehn-Eier-Abschluß erkaufen. Die restlichen vier Stück? Werden sowieso verbraucht, und – versichert der Geschäftsmann – "dann haben Sie sie sofort zur Hand".

Man kennt die "Einwegflasche", deren Bequemlichkeit volkswirtschaftlicher Leerlauf bedeutet, denn man produziert sie für den Müllhaufen. Der Preis für diese Bequemlichkeit steckt im Verzicht auf das einkalkulierte Flaschenpfand. Da sich auf diese Weise die Flaschen in den Mülltonnen stapeln – Altwarenhändler haben vielfach gar kein Kaufinteresse –, kann die städtische Müllabfuhr die Gebühren erhöhen.

Beim abendlichen Besuch einer Gaststätte weiß der Ober den erstaunten Gast davon zu überzeugen, es gebe nur portionenweise Tee oder Kaffee. Da diese Auskunft belehrend ist, wird aus der Tasse eine Portion Kaffee. Macht nur eine Mark, und das schnellere Herzklopfen beschwichtigt eine Schlaftablette. Die pharmazeutische Industrie weiß das zu schätzen.

Seit langem pflegen die Kinos den Kundendienst der Kartenvorbestellung. Weshalb aber nur Karten von einer bestimmten Preisklasse an aufwärts vorbestellt werden können, ist mit rationalen Überlegungen allein nicht zu erklären. Vielmehr wird der Trick der Ausnutzung einer Zwangslage angewandt, der den "Kundendienst" als Instrument zur Verteuerung des Kartenpreises entlarvt. Angenommen, ein Kinobesucher will eine Stunde länger im Familienkreis sein und dennoch nicht riskieren, daß die Vorstellung ausverkauft ist. Dann telephoniert er: macht zwanzig Pfennig. Das ist kein Betrag (zumal vielleicht "die Firma" zahlt). Die Kinokarte ist jedoch bis zu einer Mark teurer. Macht, da man sich – getreu der Aufforderung – gemeinsam ein paar nette Stunden machen will, schon zwei Mark. (Sollte man dem Kino diese unbegründet scheinende Zusatzeinnahme nicht gönnen, also eher von zu Haus aufbrechen, so trinkt man zur Überbrückung der Wartezeit irgendwo ein Bierchen.)