In einem neuen Buch von Marek (Ex-Ceram), das jetzt bei Rowohlt unter dem provozierenden Titel "Provokatorische Notizen" erscheint, stehen viele hochgescheite Bemerkungen (und einige nicht recht gescheite).

Über die Unterhaltungsliteratur schreibt Marek: "Die Scharen jener Schriftsteller, die die unterste Stufe der gesellschaftlichen und literarischen Pyramide miteinander verbinden, sind nicht als Individuum interessant. Ihre Arbeiten sind austauschbar..."

Der Verfasser von "Götter, Gräber und Gelehrte" kann nicht leicht als literarischer Snob verdächtigt werden. Er wäre auch sehr verwundert, wenn ihm jemand klarmachen wollte, daß das, was er "hohe Literatur" nennt, durchaus unterhaltsam sein könne – entweder unterhalten oder belehren sollen die Dichter, meinte schon Horaz. Natürlich kann und soll Literatur auch unterhalten – wenn sie’s doch hierzulande ein bißchen mehr könnte!

Aber: bei der Unterhaltungsliteratur im Sinne von Marek (und so erscheint auch uns das Wort am sinnvollsten verwendet) handelt es sich nicht um Werke der Kunst, die auch noch unterhaltsam sind; sondern es handelt sich um Unterhaltungsstoff, der in einigen Fällen den durch nichts zu rechtfertigenden Anspruch erhebt, Kunst, nämlich "hohe Literatur", zu sein. Mit anderen Worten: "Unterhaltungsliteratur" ist nicht etwa ein ästhetisches Phänomen von sozialer Bedeutung, sondern gerade umgekehrt: ein soziologisches Phänomen, das ästhetische Bedeutung meistens nicht hat – und wo es sie hätte, wäre das für den "Unterhaltungs-Wert" unwichtig.

Fern sei es von uns, das Ästhetische dem Sozialen überordnen zu wollen (oder dem Moralischen oder dem Politischen oder dem ökonomischen). Ein solches ästhetisierendes "Feuilleton" hielten wir nicht für der Mühe wert.

Nicht überordnen wollen wir das Ästhetische – aber nebenordnen. Die reinliche Trennung der Sphären "Kunst", "Gesellschaft", "Moral", "Politik", "Wirtschaft" ist praktisch gar nicht möglich; und doch verlangt Sauberkeit des Denkens, immer wieder eine solche Trennung zu versuchen.

Ein Beispiel für Tausende: Die ästhetische Wertschätzung eines Bildes wird es immer wieder schwer haben, sich vom Preis dieses Bildes nicht beeinflussen zu lassen – zwischen beiden bestehen schließlich Zusammenhänge, wenn auch Zusammenhänge recht komplexer Art. Und dennoch wäre derjenige ein schlechter Kunstkritiker, richtiger: er wäre überhaupt kein Kritiker, der nicht immer wieder den Versuch machte, einen Kunst-Wert zu bestimmen, der unabhängig vom Markt-Wert besteht.