Von Wolfgang Ebert

Eine Freundschaft ohne Wahrheit ist wie ein Fisch ohne Gräten. Freunden – im rechten Moment! – die Wahrheit zu sagen, kann mitunter wesentlich zur Festigung einer Freundschaft beitragen. Mir sind einige solcher "Augenblicke der Wahrheit", wie sie Hemingway wohl nennen würde, bekanntgeworden, und ich zögere nicht, sie der Allgemeinheit als treffliche Beispiele zu unterbreiten:

Am 14. August 1960 zeigten Herr und Frau Klessmann, Hannover, ihre drei Wochen alte Tochter Diana dem befreundeten Ehepaar Gulek. Nach einem kurzen, prüfenden Blick meinte Frau Gulek: "Tut mir leid für euch, daß sie einen Wasserkopf hat, aber ich kenne Fälle, wo sich das später gegeben hat."

Statt einmal wöchentlich wie bisher, sehen sich jetzt Kiessmanns und Guleks fast täglich.

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Ein anderer "Augenblick der Wahrheit" ereignete sich am 3. Februar 1960 in Düsseldorf, gelegentlich einer großen Party in der Villa des Industriellen Waltershausen. Als der Hausherr den Gästen seine Kunstschätze zeigte, bemerkte ein Mann namens Eduard Hornbesen vor einem kürzlich erworbenen Monet-Gemälde halblaut zu Frau Herzbergsfelden: "Vom Original in San Franzisko kaum zu unterscheiden."

Hornbesen gehört seitdem zu den Stammgästen des Hauses.