r. g., Ulm

Die Statistiker haben es bewiesen: Fürs tägliche Brot haben die Bürger der Bundesrepublik nicht mehr allzuviel übrig. Im Zeitalter der "Edelfreßwelle" scheint die Bitte des Vaterunsers nicht mehr ganz aktuell zu sein. Der Gaumen ist Besseres gewöhnt. Schwarz auf weiß kann man es lesen: Im Jahr 1800 wurden in Deutschland noch 300 Kilogramm Brot pro. Kopf verbraucht, 120 Kilogramm waren es nach der Währungsreform, und 1959 nur noch 80.

Das Schwarzbrot vollends – das ist eine Sache für Gesundheitsapostel geworden. Die Brotstulle ist außer Kurs gekommen – Süßigkeiten und Feingebäck müssen es sein. Zu meiner Schulzeit in der Volksschule eines Arbeiterviertels war es noch vorgekommen, daß allzu Hungrige sich aus der Schnittenbüchse des Klassenkameraden ihr Vesper mausten; heute klagen die Hausmeister darüber, daß Frühstücksbrote einfach in die Abfallkörbe wandern.

Die Ehrfurcht vor dem Brot wieder zu wecken und so indirekt auch dazu beizutragen, den Hunger in der Welt zu stillen – das waren die Motive, die einen Ulmer Fabrikanten, den Ehrensenator Eiselen, bewogen haben, ein Brotmuseum zu schaffen, und ein Spötter sagte nicht zu unrecht: "Da haben wir’s, jetzt taugt das Brot nur noch fürs Museum."

"Es gilt", so sagte Senator Eiselen bei der Eröffnung des Museums, "von der Steinzeit an alles zu sammeln, was mit dem Brot, der Brotbereitung und den damit für die Geschichte des Abendlandes zusammenhängenden kulturellen Erscheinungen von Bedeutung ist." Das Museum soll die technische Entwicklung des Getreideanbaues, der Mehlherstellung und des Brotbackens festhalten. Diesem Zweck, die Geschichte des Mahlens und Backens zu erforschen und die Tradition der "brotschaffenden Berufsstände" zu pflegen, dienen die Sammlungen, das Archiv und die noch im Aufbau befindliche Bibliothek, mit denen man eine zentrale Auskunftsstelle für alle Fragen des Brotes schaffen will. Dort kann man auch erfahren, daß es in der USA eine automatische Bäckerei gibt, die von zwei Arbeitern bedient, in acht Stunden 36 000 Pfundbrote ausstößt.

Besonders bemerkenswerte Stücke der Sammlung, die nur einen Ausschnitt aus den Depotbeständen, zeigt, sind ein Fundstück aus der Steinzeit – eine Steinplatte mit Mahlstein zum Zerreiben der Getreidekörner – sakrale Kunstwerke, die das Brot als Medium der Eucharistie zeigen, Zunftzeichen, Backgeräte, sogenannte Model (Formen für Festgebäck) mit geschnitzten Scherzmotiven, bunte Miniaturen aus dem Berufsleben der Müller und Bäcker, Fayencen, Gedenkmünzen "Zum Gedächtnis auf das Jahr, da die große Theurung war" und Brotpfennige der mittelalterlichen "Sozialfürsorge". Nicht zu Unrecht hängen gleich daneben Brotkarten aus der jüngsten Geschichte.

Erst fünfzehn Jahre ist es her, daß im Kriegsgefangenenlager ein Pfund nassen, sauren Brotes am Tag meine Hauptnahrung war, während zu Hause die Angehörigen stundenlang auf der Straße standen, um ein Brot zu erwerben, bei dem Sand und Glassplitter zwischen den Zähnen knirschten, weil das Mehl aus zerbombten Silos stammte. Wer sich daran erinnert, dem freilich ist das Brotmuseum mehr als nur eine mit Niveau betriebene Reklame für Müller und Bäcker.