Fußgänger in Beton Schluchten – Autofahrer fordern U-Bahnen – Die Technik berauscht nicht mehr III. Ein Reisender in Ost und West und die Summe seiner Beobachtungen

Von Alfred Fabre-Luce

Nach seiner jüngsten Weltreise zog der Franzose Alfred Fabre-Luce aus seinen Eindrücken Bilanz; beim Vergleich mit den Erfahrungen seiner ersten Reise um den Globus 1927 stellte er die Frage: Was wird morgen sein? Sie wurde zum Titel seines Buches (es erscheint im Nannen-Verlag, Hamburg), aus dem wir hier ein letztes Mal Auszüge veröffentlichen. Über die Lebensweise der Menschen heute sagte Fabre-Luce zum Schluß der zweiten Folge: "Das Innere der Häuser steckt voller falscher Götter – und läßt den Gedanken an eine Lustfabrik aufkommen. Die Häuser der Reichen sind heute in erster Linie Autoremisen."

Ein amerikanischer Schriftsteller sagte: "Weil unsere Städte häßlich sind, wurden die Autos, mit denen man daraus entfliehen kann, heiliggesprochen." Das stimmt nicht; die amerikanischen Städte sind auf ihre Weise schön. Aber die Diktatur des Autos hat sie entmenschlicht.

Umfragen in San Franzisko, Los Angeles und in Washington haben ergeben, daß zwei Drittel der Autofahrer gern auf ihre Fahrzeuge verzichten würden, wenn ihnen schnellere öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung ständen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieser Prozentsatz noch im Ansteigen begriffen. So äußern sich die ersten Anzeichen einer Verbraucherrevolte, auf die auch die Rezession im Jahre 1957 zurückzuführen war und die noch viele andere Folgen haben wird. Wir werden vielleicht sogar – diese Frage wurde von der amerikanischen Zeitschrift "Fortune" untersucht – Zeugen eines Aufstandes von ganz anderem Ausmaß sein: eines Aufstandes, der sich gegen die Städte richtet.

Unsichtbare Schönheit

Die Fußgänger sind sich darüber klargeworden, daß sie, von der Maschine gedemütigt und von den Architekten verachtet, in engen und schattigen Schluchten zwischen Betonwänden laufen müssen. Man hat ihnen gesagt, die Betonwände seien schön; aber ihre Schönheit läßt sich ohne Verrenkung der Glieder nicht genießen. Man müßte zehnmal so breite Straßen bauen, um die Häuser betrachten zu können. Man ist auf Flug- und Akrobaten-Aufnahmen angewiesen, wenn man sie bewundern will. Unter dem Vorwand, die Kühnheit und Phantasie ihrer Zeitgenossen zu monumentalisieren, haben die Architekten sie durch den Gegensatz zu Pygmäen gemacht. Ihr Programm war, Türme in den Himmel zu treiben und den freien Raum dazwischen formal zu gestalten. Aber zur Versorgung der Menschen, die sich dort angesammelt hatten, mußten sie die Kaufstätten in die Erde eingraben. Die Bewohner des dreißigsten Stockwerks, die des Nachts vom Wind geschaukelt werden, müssen ihre morgendlichen Besorgungen in Labyrinthen ohne frische Luft und ohne natürliches Licht tätigen. Kurz, statt frische Luft zu atmen, vergräbt sich die Stadt. Selbst die "Grüngürtel", die laut behördlicher Anordnung vorgesehen sind, bestehen fast nur aus Asphalt oder eingegrenzten Rasenflächen. Und wo noch eine freie Fläche war, fiel sie dem Straßenbau und der Kanalisation zum Opfer. Jeden Tag weicht der Mensch einen Schritt weiter vor seinen Schöpfungen zurück.