Von Jacques Stohler

In der vergangenen Woche ging zunächst die Meldung durch die Weltpresse, der Rubel sei aufgewertet worden. Einen Tag später las man in Kommentaren, die Aufwertung sei in Wirklichkeit eine Abwertung. Wer sich nicht der Mühe unterziehen wollte, das Zahlengerippe der jüngsten sowjetischen Währungsoperation zu studieren, wurde durch die rasche Folge von widersprüchlichen Informationen wohl zum Schluß verführt: "die Russen nennen’s Aufwertung, der Westen nennt’s Abwertung – die Wahrheit liegt wohl in der Mitte und also dürfte gar nichts von Belang geschehen sein."

Die Sowjetregierung wird wahrscheinlich vorausgesehen haben, daß ihre Ankündigung einer "Aufwertung" in breiten Kreisen der westlichen und vor allem der neutralistischen Welt am Ende so verstanden würde. Und damit hat sie, dank propagandistischer Virtuosität und Hemmungslosigkeit, etwas sehr Wesentliches erreicht: Die Erkenntnis, daß der Rubel abgewertet werden soll, muß sich jetzt erst mühsam gegen allerlei Vorurteile durchsetzen. Und dies trotz der Tatsache, daß es sich um eine ganz und gar eindeutige und überdies sehr drastische Abwertung der sowjetischen Währung handelt.

Grundsätzlich hat die russische Regierung nichts anderes getan als das, was die französischen Währungsbehörden Ende 1958 beschlossen hatten. Damals wurde der französische Franc abgewertet und wurde gleichzeitig mit der Umstellung des alten Franc auf "Neue Francs" begonnen. Die Umstellung bestand darin, daß 100 alte französische Franken einem neuen Franc gleichgesetzt und alle Preise, Löhne, Gehälter, Mieten, Forderungen usw. durch 100 dividiert wurden. Tatsächlich etwas geändert wurde an der französischen Währungslage jedoch nur durch die Abwertung; die Umstellung auf schwere Francs diente bloß dazu, den durch viele inflationäre Jahrzehnte angesammelten Ballast zweier Nullen wieder abzuwerfen.

Die Sowjetregierung hat durch zwei Beschlüsse – zunächst am 5. Mai und dann am 14. November dieses Jahres – eine ganz ähnliche Währungssanierung auf den 1. Januar 1961 angekündigt wie seinerzeit Frankreich. Die Unterschiede zum französischen Sanierungsprogramm bestehen darin, daß erstens die alten Rubel nicht im Verhältnis von hundert zu eins, sondern von zehn zu eins auf neue Rubel umgestellt werden; zweitens im viel drastischeren Abwertungssatz, der in Frankreich rund 15 vH betrug, im Falle der vorgesehenen Rubel-Operation sich jedoch auf 56 vH beziffert!

Wie konnte die Sowjetregierung diese Maßnahmen in ihrer Propaganda zu einer "Aufwertung des Rubels" umgestalten? Der Trick ist in Wirklichkeit ganz einfach: er besteht bloß darin, daß der Wert des Rubels, in Dollar ausgedrückt, sich im sowjetischen Kommuniqué das eine Mal – nämlich, wenn vom Stand der Dinge vor dem 1. Januar 1961 die Rede ist – auf alte Rubel bezieht, während das andere Mal dagegen – soweit es um den Dollarwert nach dem 1. Januar geht – neue Rubel zugrunde gelegt werden. Da die neuen Rubel rein numerisch zehnmal mehr "wert" sind als die alten, bleibt trotz der Abwertung noch eine fingierte Wertzunahme übrig, wenn man den alten Wechselkurs in alten Rubeln mit dem neuen Wechselkurs in neuen Rubeln vergleicht.

Dieser ausschließlich buchhalterische "Wertzuwachs", dem in Wirklichkeit ein Wertverlust gegenübersteht, diente den Sowjetbehörden als Vorwand dazu, von einer "Aufwertung" der Währung der UdSSR zu sprechen. Schade, daß die Franzosen seinerzeit nicht erkannt haben, was für Möglichkeiten zu Taschenspielertricks ihre Währungsreform in sich barg!