Paris, Ende November

Wenig hätte gefehlt, und Frankreich würde sich mit Abscheu abgewendet haben von dem Volksaufwiegler, Landes- und Hochverräter Pierre Lagaillarde. Es ist nicht so gekommen. Nach zweieinhalb Wochen des "Barrikaden-Prozesses" gegen ihn und seine Komplicen – Verzeihung: gegen seine treuen und tapferen Kameraden – müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß Lagaillarde und alle anderen keine Verbrecher sind. Denn wie das hohe Militärtribunal von Paris schließlich auch entscheiden mag, man kann jetzt schon erkennen, daß den Männern, die im Januar 1960 Barrikaden in Algier errichteten, keine von Grund auf böse Taten vorgeworfen werden. Ordnungsstrafen – das wäre der härteste Fall.

Ein Dutzend erfahrener Militärrichter, Generale und Obersten, deren Integrität keine Sekunde angezweifelt wurde, hat sich zweieinhalb Wochen hindurch stumm die stundenlangen Reden aller Angeklagten angehört. Und so haben Pierre Lagaillarde, Oberst Gardes, der Nationalsozialist Susini und die anderen Angeklagten Gelegenheit und Muße gehabt, dem Gericht vorzutragen, daß es seine Anklage auf falschen Voraussetzungen aufgebaut habe. Dabei haben die Barrikaden-Helden, die sich im Gerichtssaal anständig und gutmütig aufführten, es sozusagen im ersten Ansturm fertig gebracht, ihr ursprüngliches Verteidigungsziel weit hinter sich zu lassen. Sie wollten diesen Prozeß gegen die Rechtsradikalen ebenso umstritten erscheinen lassen wie jenen vieldiskutierten Jeanson-Prozeß gegen die Linksintellektuellen, in dem die Gesinnungsbrüder Jean Paul Sarte das Militärtribunal in moralische Verlegenheit bringen vermochten. Doch es gelang Lagaill und seinem Fähnlein der Aufrechten, in weit kürzerer Zeit viel mehr zu schaffen.

Lassen wir sie mit ihren eigenen Worten sprechen, die sie während der vergangenen zehn Monate ihrer Haft für den großen Auftritt zurechtgefeilt hatten! Der Angeklagte Fernand Féral, Versicherungsagent in Algier und Präsident der nationalistischen algerischen Bewegung "Beistand und Schutz": "Herr Präsident, lassen Sie mich etwas über die Wahrheit sagen. Ich habe gesehen, daß man eine Barrikade errichtete. Aber dazu ist es wichtig zu wissen, daß die Straße an der betreffenden Stelle bereits vorher wegen Bauarbeiten aufgerissen war. Die Pflastersteine haben nur als Sitzgelegenheit gedient. Später haben Studenten allerdings diese Steine aufeinandergeschichtet. Und man hat Ortiz darüber verständigt. Er hat gesagt: ‚Welche Bande! Wenn sie doch ruhig bleiben würden!‘ Ja, das hat er gesagt." Und im übrigen verwahrte Féral sich gegen den Vorwurf, politisch tätig gewesen zu sein. "Nie habe ich politisch gedacht; ich bringe jedem Hilfe, der in Not ist."

Der Angeklagte Arnould, Flugkapitän seines Zeichens: "An jenem 24. Januar war ich mit ein paar Freunden unterwegs. Da tönte plötzlich Marschmusik, und der sind wir nachgegangen. So simpel war das!" Und als ihn der Regierungskommissar fragt, ob es denn nicht wahr sei, daß er im Lager von Ortiz hinter den Barrikaden genächtigt habe, antwortete er: "Aber nein. Ich bin nach Hause gegangen; und vor allem deswegen, weil ich die Grippe hatte..."

Der Angeklagte Oberst Gardes, Chef des Fünften Büros in Algier (psychologische Kriegsführung): "Unser Kampf ist gerecht; es ist unser letzter Kampf als freie Männer. Nach dem 13. Mai 1958 gab es für uns nur einen Weg: Algérie française und Integration. Alles war damals in Ordnung. Dann kam der 16. September 1959, der Plan der Selbstbestimmung. Das war ein schwerer Schlag gegen meine Aufgabe, den Muselmanen einen festen Halt zu geben ... Und was die Manifestation vom 24. Januar betrifft – sie wurde erst verboten, nachdem sie schon begonnen hatte."

Ja, hat denn wirklich auch Lagaillarde nichts Unrechtes getan? Geben wir dem 29jährigen Medizinstudenten Susini, der Lagaillardes Nachfolger als Führer der algerischen Studenten wurde, den Vortritt. Er entschuldigt sich im voraus, daß er sehr frei sprechen würde. "Ich bin nationalistisch und sozialistisch aus Überzeugung. Sie verstehen mich vielleicht nicht richtig, und ich weiß auch, daß manche politischen Ausdrücke abgenutzt sind. Aber es gibt keine neuen Ausdrücke." Zur Siehe: