London, im November

Der rotbefrackte "Toastmaster" kündete mit weithin hallender Stimme den nächsten Sprecher an: "Seine Königliche Hoheit, Philip, Herzog von Edinburgh."

Prinz Philip knüpfte in seiner vor der deutschenglischen Gesellschaft in London an jene Ansprache an, in der Königin Elizabeth vor zwei Jahren beim Staatsbesuch von Präsident Heuss mit viel Mut für eine deutsch – englische Versöhnung eingetreten war. Dabei prägte er diesen Aphorismus: "Sich über die Geschichte zu ärgern, ist eine öde Beschäftigung, und auf jeden Fall blendet sie die, die ihr frönen, gegenüber den Ereignissen der Gegenwart." Ähnlich wie seinerzeit die englische Herrscherin sagte er, die Vergangenheit lasse sich nicht vergessen – doch "die Zukunft ist wichtiger".

Prinz Philip ging dann zu einem größeren Thema über. "Ich glaube, die Leute bei uns wissen über das sehr bedeutungsvolle Entstehen eines europäischen Bewußtseins nicht Bescheid, das in den letzten Jahren auf dem Kontinent, insbesondere unter der jüngeren Generation, zu beobachten ist. Europa ist in sehr vielen Beziehungen sehr verschieden von dem, was es vor dem Kriege war. Die meisten Leute sind sich nur zu gut der Gefahr bewußt, zwischen den beiden Mühlsteinen des Kommunismus und der wirtschaftlichen Beherrschung von außen zu Staub zermahlen zu werden. Glücklicherweise ist es nicht mein Geschäft, zu erörtern, wie England seine Mitgliedschaft in der europäischen Gemeinschaft mit der in der Commonwealth-Gemeinschaft in Einklang bringen kann. Aber es muß allen klar sein, daß wir genau das tun müssen, wenn wir uns nicht eines Tages in eine höchst würdelosen Stellung wiederfinden wollen, nämlich zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Interdependenz ist ein weitaus nützlicheres Programm für die Zukunft. Ich sehe nicht ein, warum sie das System der Kommunalverwaltung, das die Grundlage der Demokratie bildet, über den Haufen werfen sollte."

Die Ansprache, in bester Laune vorgebracht, enthielt allerlei Spitzen. Daß mit dem "Mühlstein der wirtschaftlichen Beherrschung von außen" Amerika gemeint war, begriff jeder Zuhörer. Daß die europäischen Regierungen – ein Mitglied des englischen Kabinetts, Außenminister Lord Hume, saß neben ihm – zu "Kommunalverwaltungen" in einem neuen Europa degradiert wurden, zeigt, wieviel dem Herzog an einer Verständigung mit dem europäischen Festland liegt.

Interessanterweise wurde die Ansprache des Herzogs in der breiten Öffentlichkeit wenig kritisiert. Der Vorstoß Königin Elizabeths war seinerzeit von einem erheblichen Teil der Presse als Sensation – und zwar als unerfreuliche – aufgefaßt worden. Was Prinz Philip aber jetzt über das deutsch-englische Verhältnis zu sagen hatte, erregte kaum noch Aufsehen. Der isolationistische Lord Beaverbrook freilich, ein Gegner des neuen Deutschlands, ließ den Herzog angreifen – in seiner Londoner Abendzeitung – wegen der Ausführungen über Europa, im Sunday Express, weil er sich zum "Sprecher der Deutschen in England" aufgeworfen hätte.

Daß der Gemahl der Königin eine solche Rede ohne viel Protest halten konnte, ließ erkennen, daß sich die anglo-deutschen Beziehungen, die zu Anfang des Jahres – im Zusammenhang mit den Hakenkreuzschmierereien und den "spanischen Basen" – auf den Nullpunkt gesunken waren, merklich gebessert haben. Gustav Mauthner