Eine kritische Würdigung aus der Feder eines Philosophen

Im September schrieb Professor Karl Jaspers in der ZEIT eine Reihe von Artikeln zum Thema "Freiheit und Wiedervereinigung". Er hat inzwischen diese Serie zu einer Broschüre erweitert, die unter dem gleichen Titel jetzt bei Piper in München erscheint. Ihr ist das hier abgedruckte Kapitel Adenauers entnommen. Ein großer Philosoph über einen großen Staatsmann – das ist eine erregende Sache. Karl Jaspers betont ausdrücklich, daß er keine Ratschläge erteilen, sondern nur auf Maßstäbe und Möglichkeiten weisen wolle, denn, so sagt er: "Der Philosoph hat mit seiner Meinung für das Tun des Tages kein Gewicht, um so mehr aber die Verantwortung für die von ihm mit hervorgebrachte Vorstellungswelt, für die Folgen in der politischen Denkungsart, für die Zielsetzung im ganzen. Denn: Philosophie denkt auf die höchsten Möglichkeiten hin, möchte das Gemeine überwältigen, möchte das Wesenlose des Betriebs durchdringen."

Ich spreche nicht von dem Manne, den ich persönlich nie gesehen habe und dessen Leben ich nicht kenne. Ich spreche allein von dem Faktum seiner Politik. Seine Außenpolitik ist in seinen Handlungen und Worten bezeugt. Seine Innenpolitik ist mir in wesentlichen Dingen unklar geblieben, sie gewinnt kein überzeugendes Gesicht. Ich frage nach den Voraussetzungen, unter denen der Kanzler seine Politik führt, und nach der Idee, die ihr der Natur der Sache entsprechend zugrunde liegt.

In der Mitte steht das eine. Adenauer geht seinen außenpolitischen Weg ständig im Bewußtsein der Weltsituation. Sein Grundgedanke ist einfach und von Anfang an bis heute unerschütterlich: Das Abendland – Europa und Amerika als ein Ganzes – kann sich nur behaupten, wenn es einig ist. Angesichts der tödlichen Gefahr der totalen Herrschaft, die, jetzt schon von einer Milliarde Menschen getragen, die gesamte Welt unterwerfen will, gibt es keine andere Rettung. Die Bundesrepublik Deutschland kann in Freiheit nur gemeinsam mit Europa und Amerika Bestand haben.

Seine Politik ist aus dem einen Prinzip zu begreifen: Das gesamte Abendland muß zusammengebracht werden zu gemeinsamer Abwehr und zur Vorbereitung eines einstigen Weltfriedenszustandes. Von dort her hat er den Blick für die Proportionen. Bei einzelnen Entscheidungen sieht er, worauf in erster Linie es ankommt. Nicht einen Augenblick seit der deutschen Katastrophe hat er sich in dieser Hinsicht düpieren lassen.

Immer wieder wurde er enttäuscht. Die nationalen Ansprüche sind überall immer zu stark. Er bekämpft sie, wo sie den Vorrang vor den Erfordernissen der gemeinsamen Selbstbehauptung beanspruchen. Nie hat er – in diesem Punkt – die Geduld verloren. Nach jedem Mißerfolg hat er neue Wege gesucht zu dem Ziel der Verwirklichung der abendländischen Solidarität.

Wenn Bismarck vom cauchemar des coalitions sprach, so steht Adenauer unter einem viel schlimmeren Alpdruck. Während die meisten dahinleben, weiß er, was auf dem Spiele steht. Wenn die Leute in Deutschland und im Westen schlafen, ist er wach. Wie muß ihm all die Jahre zumute gewesen sein, wenn er die Politiker des Abendlandes beschwor und immer wieder enttäuscht wurde! Welchen Pessimismus wird dieser Kanzler nicht "der Allierten", sondern des Abendlandes ausgesetzt gewesen sein! Im September 1960 sagte es vor der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU: "Die weltpolitische Lage ist atemberaubend und entsetzlich." Er denkt nicht für irgendeinen möglichen Zeitpunkt an einen "Kreuzzug" gegen den Totalitarismus. Er weiß: in der Weltlage heute wäre ein Präventivkrieg potenziertes Verbrechen. Ihm persönlich scheint das Militärische wenig zu liegen. Nie tritt er selber militärisch in Erscheinung. Er sieht die bittere Notwendigkeit der Aufrüstung und nimmt sie an ohne Begeisterung. Er fördert sie auf Grund politischer Einsicht angesichts eines überwältigend gerüsteten Feindes. Hier wäre alles Halbe verderblich.