Von Josef Müller-Marein

Wenn die Académie Française tagt, sitzen zwei "Unsterbliche" nicht weit voneinander: Alphonse Pierre Juin‚ der Marschall von Frankreich, und François Mauriac, der Dichter und Nobelpreisträger. Der Marschall ist ein Mann von gedrungenem Wuchs, ohne Fett, "Kernfleisch" sozusagen. Man nehme einen Durchschnittskopf und feile und poliere nicht zuviel daran herum, just soviel, daß alle Einzelheiten ein wenig betont werden: energische Nase, prüfender Blick der Augen, die Mundwinkel nicht ohne Humor, eine normale Stirn, hinter der keinerlei Phantasie wohnt, aber viel Gedächtnis. Weil solche Gesichter niemals hochmütig aussehen, sind ihre Besitzer beliebt. Und weil niemals ein Zweifel ihre einfachen Stirnen umwölbt – "Was immer so war, muß so immer richtig sein!" – hält man ihre Gedanken für den ungetrübten Ausfluß des "gesunden Menschenverstandes". Dies also ist Juin.

Es ist so gut wie unmöglich, daß der schmale, feinnervige François Mauriac, der hochgezüchtete, nervöse politische Poet, der manchmal Gespenster sieht (zum Beispiel in Deutschland: braune Gespenster), den Marschall versteht. Aber Marianne, die Göttin Frankreichs, hat beide an ihrem Busen genährt: Dort den Sohn des Gendarmen Juin aus Bone (Algerien), der Frankreichs Marschall wurde (Wüstensand .. darin künstlich bewässerte Gärten mit Aprikosenbäumen ... Uniformen und uniformiertes Bürgertum..... Marseillaise und Trikolore und die Überzeugung: Muselmanen sind auch Menschen, aber man muß sie zu führen wissen!), und hier den Nordfranzosen aus einer sehr europäischen Landschaft, wo Meer und Wälder nahe sind und wo alte, vornehme Häuser nicht nur Speisekammern, sondern auch Bibliotheken haben. Mauriac, der Dichter, liebt de Gaulle und konzidiert ihm jenen Zug des Ritterlichen, des Retterlichen, den die Spötter eine männliche Imitation der Jean d’Arc nennen. Juin, der Marschall, aber hat den heutigen Staatschef als Kriegsschüler von St. Cyr kennen und duzen gelernt, wobei de Gaulle, der phantasievolle Lehrerssohn, der Zweifler, der Zögernde, sich am holzgeschnitzten Beispiel des soldatisch hochbegabten Gendarmenkindes aufrichtete.

Nun aber mußte der Präsident erleben, daß kein Zögern in Juins Stimme war, als Juin, der einzige Marschall Frankreichs, erklärte: "Ich kündige die fünfzigjährige Freundschaft mit dem General de Gaulle auf." Dem Dichter Mauriac bricht dies fast das Herz.

Wir sind auf Seiten Mauriacs und haben nicht ohne Erschütterung seinen Artikel über den widerspenstigen Marschall in der Pariser Wochenzeitung "L’Express" gelesen. Auch wir in Deutschland kennen diesen ehrenhaften, intelligenten und dabei ein wenig tumben Juln-Typ, der sich aus Tradition weigert, die Gegenwart und ihre moralischen Forderungen zur Kenntnis zu nehmen. Aber auch der Marschall weiß Erschütterung auszudrücken. Er erklärte, sein Herz bräche bei dem Gedanken, daß Algerien – gehe es nach de Gaulle – zukünftig nicht mehr "gute französische Erde" sein solle.

Dabei hat er ja nicht erst kürzlich bei der Rede des Staatschefs vom 11. November gemerkt, daß de Gaulle auf ein freies Algerien zielt. Er hatte es schon aus einem Appell des Staatschefs an die Armee herausgehört, als noch keineswegs von einer "Republik Algerien" die Rede war, aber schon von der Verpflichtung, "Algerien in vollständiger und in menschlicher Weise zu befrieden". Das war im Oktober 1959. als die meisten Franzosen darüber murrten, daß der General ihnen niemals etwas Klares, etwas Neues, etwas Entscheidendes über Algerien sage. Juin aber wetterte (in der Tageszeitung "L’Aurore"), daß de Gaulle die Idee eines französischen Algerien aufgeben wolle zugunsten eines mit Frankreich und dem Westen verbundenen selbständigen Staates. Er rief: Verrat!

Er ist aus Bône und bleibt aus Bône, ein "Schwarzfuß", wie die Algerier sagen, ein Bestiefelter. Schon damals hat er von der Treue der Algerier zu Frankreich gesprochen. Heute formuliert er es so: "Ich protestiere gegen den Gedanken, daß wir unsere algerischen Brüder im Stich lassen, seien sie Moslems oder Christen, die im Laufe zweier Kriege alles hingegeben haben für die Befreiung und Verteidigung unseres gemeinsamen Vaterlandes!"