Die Zeit der großen orientierenden und richtungweisenden Systeme in der Philosophie hat mit Hegels Tod sowohl ihren Höhepunkt als auch ihren Abschluß gefunden. Obwohl einige der historisch gewachsenen philosophischen Systeme auch heute noch lebendig sind und ihre begeisterten Anhänger und Kritiker immer noch miteinander in Wettstreit liegen, hat es seit dieser Zäsur keinen Philosophen mehr gegeben, der mit dem Selbstbewußtsein Hegels das Wissen und Denken seiner Zeit in einer „Enzyklopädie“ zusammengefaßt hätte.

So zwingt in der Philosophie allein schon die Tatsache, daß der Streit der Systeme untereinander nicht enden kann, solange jedes System auf sich selbst als System beharrt, immer mehr zu der Einsicht, daß neue Wege gegangen werden müssen. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist eine Rückbesinnung auf das ursprüngliche Wesen der Philosophie, das sich im Symphilosophein, im Miteinanderphilosophieren, im Gespräch ausspricht.

Diesen Weg muß wohl H. Walter Bahr, der vielen Lesern als umsichtiger Herausgeber der Universitas bekannt ist, im Auge gehabt haben, als er ein Buch mit dem Titel

„Wo stehen wir heute?“; C. Bertels-

mann Verlag, Gütersloh; 256 S., 16,80 D-Mark

herausgab, das zwanzig Autoren aus Wissenschaft und Kunst mit dem Ziel zusammenführt, einen Beitrag zur „Erhellung des verantwortlichen Bewußtseins“ zu leisten.

Aber da jedes Miteinandersprechen sich der Gefahr aussetzt, „Gerede“ zu sein oder es zu werden, müßte jeder Dialog und jedes noch so kommunikative Gespräch bestimmte Voraussetzungen beachten. Das Gespräch sollte versammeln (nämlich die Teilnehmer), sammeln (nämlich die Meinungen) und sich sammeln lassen, und dies sowohl im Sinne einer echten Kontemplation, als auch in der Vorbereitung wenn schon keines Resultates, so doch möglicher Resultanten. Es ist daher wenig damit getan, daß man im Stil von Gallup-Umfragen unter Philosophen (gewissermaßen in Entsprechung zu der hier nicht zuständigen vox populi) die vox philosophorum et doctorum befragt. Jedes Gespräch müßte ein im Hinblick auf die Wahrheit um „konkrete“ Systematik bemühtes Miteinandersprechen sein.