"Ausgleichende Gerechtigkeit" vertauscht die Rollen am Arbeitsmarkt

Von Ludwig Henze

Kürzlich erschien von L. Kroeber-Keneth eine Sammlung von Beispielen, die als Stilblütenlese die veränderte Manier des Bewerbungsverfahrens auf dem Arbeitsmarkt spiegelte ("Frankfurter Allgemeine Zeitung", Nr. 182/60). Zweierlei wird aus solchen Beispielen deutlich. Arbeitskräfte sind rar. Das ist bekannt. Arbeitskräfte sind emanzipiert. Das ist weniger bekannt; zumindest spricht man weniger davon. Dennoch ist auch diese zweite Erscheinung für die veränderte Situation am Arbeitsmarkt charakteristisch. Es ist nicht statthaft, der Ästhetik wegen nur die eine Hälfte des siamesischen Zwillingspaares zu beschreiben. Sonst wird man der Wirklichkeit nicht gerecht.

Bislang diskutierte man die Auswüchse der Knappheit an Arbeitskräften mit dem Hintergedanken, auf diese Art und Weise die "Moral" der Arbeitnehmer zu verbessern. Man enthüllte diese Auswüchse und distanzierte sich, weil, wie es schien, das Verhalten der Arbeitnehmer ungehörig war. Zwar wurde mit der Veröffentlichung auch Anschaungsmaterial zum Thema geliefert, wie die modern gewordene Bewerbungstechnik noch verbessert werden könnte. Doch das riskierte man, glaubte man doch an den pädagogischen Erfolg. Die Beispiele sollten die "bessere Einsicht" im Arbeitnehmer wecken und ihn veranlassen, seinen Vorteil nicht schamlos auszunutzen.

So schüttelte denn der Leser – auch der Arbeitnehmer – den Kopf, wenn er von einer Kündigung hörte, die damit begründet wurde, daß sich ein Arbeitgeber geweigert habe, während der Arbeitszeit ein Länderspiel übertragen zu lassen. Er schüttelte den Kopf, wenn er las, daß sich ein anderer Arbeitnehmer auf Kosten der Firma auf eine Prüfung vorbereitete und im selben Augenblick kündigte, da die Prüfung bestanden war. Leicht zog man die Konsequenz: die Arbeitnehmer schlagen maßlose Profite aus einem Vorteil, der ihnen überdies unverdient zugefallen ist. Zwischen den Zeilen lesen konnte man die Drohung: nächstes Mal ist die andere Seite wieder dran; was "euch" jetzt billig ist, das ist "uns" dann recht.

Vorteil auf einer Seite

Diese unausgesprochene Drohung führt zum Kern des Problems. Es läßt sich mit dem Gedanken der Emanzipation umschreiben und beruht auf der veränderten Struktur des Arbeitsmarktes, Auf ihm begegnen sich zwar seit jeher Anbieter und Nachfrager von Arbeitskraft, aber die Position der beiden Marktpartner war früher anders als heute. Denn trotz aller Schutzmaßnahmen der Arbeitnehmer genoß der Arbeitgeber früher stets ganz eindeutige Vorteile, die z. T. heute noch als selbstverständlich betrachtet werden. Diesen Sachverhalt verdeutlicht anschaulich ein Beispiel, das Kroeber-Keneth ebenfalls nennt. Ein Bewerber hatte sich bei einem Unternehmen nach betriebsinternen Einzelheiten erkundigt, die nicht jedermann mitgeteilt werden. Anstatt daß nun der Bewerber von der Firma mit dem Hinweis auf das übliche Verkehrsrecht abgespeist worden wäre, fertigte man ihn mit der hochfahrenden Begründung ab: Das Unternehmen wolle sich nicht beim Bewerber bewerben, sondern gehe von der möglicherweise altmodischen Vorstellung aus, daß sich die Arbeitskräfte beim Unternehmen bewerben. Die Unternehmensleitung mag aufgebracht gewesen sein. (Man ist schließlich nicht irgendwer.) Doch die verständliche Entrüstung zeigt die von der gegenwärtigen Entwicklung in Frage gestellte alte Struktur des Arbeitsmarktes.