Seit dem Oktober bringt DIE ZEIT Christoph Eckes Schallplattenbesprechungen in erweiterter Form. Dabei sollen, wie schon angekündigt, nach Möglichkeit folgende fünf Rubriken ständig berücksichtigt werden: 1. deutsche Klassik, 2. ausländische Klassik, 3. moderne Kompositionen (sei es deutschen, sei es ausländischen Ursprungs), 4. literarische (gesprochene) Platten, 5. Unterhaltungs- und Tanzmusik.

Heinrich Schütz: Weihnachtshistorien: Wilheim Ehmann mit der Westfälischen Kantorei und Solisten (Cantate T 72 468 24,– DM).

Es ist ein Verdienst der jungen Cantate-Gesellschaft, dieses herrliche Spätwerk des großen, in Italien geschulten Sachsen so stilrein darzubieten. Solisten, Chor und ein kleines, klanglich untermalendes Orchester gehen mit liebevollem Ernst zu Werk; die Wirkung ist klar und intensiv. Dieselbe Gesellschaft bringt als weitere Kostbarkeit eine einzigartige Dokumentaraufnahme vom Weihnachtssingen des Thomanerchors zu Leipzig unter Günther Ramin im Jahre 1955. Mit frischen und klaren Stimmen bietet der berühmte Knabenchor elf der schönsten Weihnachtslieder, die vorwiegend von alten Meistern wie Bach und Prätorius gesetzt sind (15,– DM).

Verdi: La Traviata; Gabriele Santini/ Mana Callas/ Francesco Albanese u. a. (Deutsche Grammophon Ges. 19 216/17, 38 – DM).

Endlich kommt – ein wenig gekürzt zwar, aber dafür auf nur zwei Platten – Maria Callas’ Traviata auch zu uns. Es bezeichnet das Wesen dieser großen Künstlerin, daß sie sich bis in die letzten Fasern mit den Menschen, die sie darstellt, identifizieren kann. Ihre Traviata entstammt der früheren Gera-Produktion, also der italienischen Zeit der Sängerin, in der die Stimme noch all ihren Samt besaß. Wenn Maria Callas hier gesanglich weniger aus sich herausgeht, als man erwartet und als andere bedeutende Vertreterinnen der Rolle es tun, so mag der Gedanke sie zurückgehalten haben, daß ein schwindsüchtiges Geschöpf, welches sich kurz hintereinander in seiner Lebensauffassung erschüttert und aus seinen Glücksträumen jäh herausgerissen sieht, eher scheu und zurückhaltend als mit klangvollem Glanz auftreten wird. Aber Violettas ironische Überlegenheit über ihr Schicksal wie ihre Umgebung, ihre bittere Kunst der Verstellung, die Innigkeit, mit der sie vom Leben Abschied nimmt – verfolgen den Hörer noch lange, nachdem er den Apparat geschlossen hat.

Hugo Distler: Die Weihnachtsgeschichte; Gottfried Wolters mit dem Norddeutschen Singkreis und Solisten (Musikaphon BM 30 L 1302 21,– DM).

Der frühverstorbene Komponist hat hier ein Werk hinterlassen, in dem sich kühne Harmonik mit zeichen Empfindung paart. Die von zwei Motetten eingefaßte Erzählung des Evangelisten ergänzt sieben wahrhaft köstliche Variationen über "Es ist ein Ros entsprungen". Der schwierige a-capella-Gesang wird mühelos mit Präzision, Wärme und stimmlichem Glanz bewältigt.