Vor einiger Zeit wurde die Firma Alfons Müller-Wipperfürth, Düsseldorf, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Großaktionär dieser Gesellschaft ist Alfons Müller-Wipperfürth, der gleichzeitig Vorstandsvorsitzender ist. Er residiert in Lugano, weil er Meinungsverschiedenheiten mit den deutschen Finanzbehörden hat, denen er mit seinem Auslandsaufenthalt aus dem Wege geht. Aufsichtsratsvorsitzender ist der bekannte Münchener Finanzmakler Rudolf Münemann, dessen Investitions- und Handelsbank AG, Frankfurt/Main, auch Hausbank von Müller-Wipperfürth ist. Wenn wir uns heute, meine verehrten Leser, mit der Alfons Müller-Wipperfürth AG beschäftigen, so liegt der Grund dafür in der ungewöhnlichen Absicht des Unternehmens, junge Aktien zum Ausgabekurs von 1000 Prozent vertreiben zu wollen. Das wäre der höchste Kurs, zu dem in der Bundesrepublik seit der Währungsreform jemals junge Aktien angeboten worden sind.

Bei der Müller-Wipperfürth AG handelt es sich um ein Unternehmen der Herrenbekleidungsindustrie, das sowohl in der Produktion als auch im Einzelhandel tätig ist. Die Herrenbekleidung wird in eigener Fabrikation hergestellt (zum Teil auch die Tuche) und in eigenen Läden verkauft. Mit Hilfe moderner Fabrikationsmethoden wird versucht, möglichst preisgünstig zu liefern. Die Gesellschaft betätigt sich also in einer Branche, die mit Risiken stark gesegnet ist und die es aller Voraussicht nach auch bleiben wird. Um die Basis zu verbreitern, hat Müller-Wipperfürth kürzlich fast das gesamte Aktienkapital der Simons-Frowein AG, Leichlingen, erworben. Jetzt wurde die Liening KG in Kappeln an der Schlei (800 Beschäftigte) übernommen, ebenfalls ein Unternehmen der Textil-Branche.

Das Grundkapital von Müller-Wipperfürth beträgt bislang 10 Mill. DM. Die letzte Hauptversammlung hatte ein "genehmigtes" Kapital von 5 Mill. DM geschaffen, das jetzt "ausgenutzt" werden soll, d. h. diese jungen Aktien sollen nun interessierten Kapitalgebern "breit gestreut" angeboten werden. Man möchte auf alle Fälle die Bildung einflußnehmender Pakete verhindern. Sie könnten sonst mitbestimmend auf die Geschäftspolitik wirken, was dem bisherigen Alleinunternehmer Müller sicherlich nicht angenehm wäre. Da – wie die Verwaltung behauptet – die Nachfrage nach den jungen Aktien trotz des in Aussicht genommenen hohen Ausgabekurs von 1000 Prozent groß ist, soll – wie Müller aus Lugano verlauten ließ – demnächst eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen werden mit dem Ziel, das Kapital um weitere 5 auf 20 Mill. DM zu erhöhen. Die jungen Aktien sollen "Inhaberaktien" (ohne Stimmrechstbeschränkung) sein; sie sind ab 1. Juli 1960 dividendenberechtigt. Es ist beabsichtigt, die Einführung der Aktien zur amtlichen Notierung oder zumindest zum geregelten Freiverkehr bei einer oder mehreren deutschen Wertpapierbörsen zum gegebenen Zeitpunkt zu beantragen.

Nun werden Sie sich fragen: Was berechtigt Müller-Wipperfürth einen so hohen Preis für seine jungen Aktien zu fordern Die Antwort lautet: Die für 1959/60 (30. Juni) gezahlte Dividende von 75 vH! Das ist allerdings ein Satz, der ebenso ungewöhnlich ist wie die geforderten 1000 Prozent. Wenn Sie sich, meine verehrten Leser, die Bilanz der Gesellschaft ansehen würden, dann wird Ihnen klarwerden, daß das Unternehmen nahezu den gesamten erwirtschafteten Gewinn ausgeschüttet haben muß. Ein kleiner Teil mag in die stillen Reserven gegangen sein, aber das fällt kaum ins Gewicht. Entscheidend ist die Tatsache, daß das Grundkapital von 10 Mill. DM nur eine gesetzliche Reserve von 0,4 Mill. neben sich findet. Sonst keinerlei Rücklagen. Die Rückstellungen betragen 9,1 und die Verbindlichkeiten 49,5 Mill. DM, davon rund 28 Mill. Bankverbindlichkeiten und 14,7 Mill. Akzepte. Auf der Aktiv-Seite bilanziert das Anlagevermögen mit 23,2 und das Umlaufvermögen mit 52,9 Mill., davon Vorräte mit 43,9 Mill. DM.

Wer sich von Ihnen, meine verehrten Leser, mit Bilanzen beschäftigt hat, wird schon an Hand dieser wenigen Zahlen erkennen, daß eine Stärkung der Eigenkapitalbasis bei dieser Gesellschaft dringend geboten ist. Ohne zu übertreiben, kann man behaupten, daß angesichts dieser Bilanzverhältnisse die Mehrzahl der deutschen Aktiengesellschaften auf die Ausschüttung einer Dividende verzichtet hätte. Es mögen steuerliche Gründe gewesen sein, die Müller bewogen haben, 7,5 Mill. DM dem Betrieb als Gewinn zu entziehen. Die Gesellschaft hatte darauf nur den ermäßigten Körperschaftsteuersatz von 15 vH zu zahlen. Man muß sich allerdings vor falschen Schlüssen hüten. Es gibt eine Reihe von Unternehmen, denen man jährlich einen Gewinn von 75 vH des Grundkapitals und mehr nachrechnen kann. Nur bleibt bei ihnen der Löwenanteil meist im Betrieb als offene oder stille Rücklagen. Hinsichtlich der Ertragslage ist Müller-Wipperfürth also keine seltene Ausnahme.

Mit der ungewöhnlichen Kapitalerhöhung (über die nach den neuesten Informationen immer noch verhandelt wird, so daß die Einzelheiten noch keineswegs so feststehen, wie Müller aus Lugano behauptet) kann die Fremdfinanzierung völlig abgelöst werden. Das Grundkapital würde sich auf 20 Mill. und die Rücklagen (unter Berücksichtigung der Emissionskosten) vermutlich auf 85 Mill. DM stellen. Man fällt also von einem Extren in das andere. Mit einem Schlag wäre die Gesellschaft reif für Berichtigungsaktien.

Nun zu der Frage: Ist das Geld, das man in Miiller-Wipperführt-Aktien steckt, gut angelegt? Zunächst vom Gesichtspunkt der Rentabilität. Müller-Wipperfürth hat für 1959/60 eine Dividende von 75 vH gezahlt. Schon heute weiß die Gesellschaft, daß sie für 1960/61 den gleichen Satz zahlen kann. Unter normalen Umständen ist eine solche Prognose recht ungewöhnlich. Versuchen Sie einmal eine Verwaltung nach Ablauf von fünf Monaten des neuen Geschäftsjahres auf die Dividende festzulegen. Jedes Vorstandsmitglied wird sich weigern, über die Ausschüttungshöhe Versprechungen zu machen, selbst wenn sich das neue Geschäftsjahr glänzend angelassen hat. Aber Müller- Wipperfürth kann sagen: Wir zahlen 75 vH! Warum? Weil die neuen Aktionäre praktisch mit dem hohen Ausgabekurs die nächste Dividende gleich mitbringen. Vom steuerlichen Gesichtspunkt wäre es vorteilhafter gewesen, wenn man den Ausgabekurs für die jungen Aktien auf 925 vH festgesetzt hätte mit der Ankündigung, auf das neue Kapital für 1960/61 noch keine Dividende zahlen zu wollen. Jetzt geben die künftigen Aktionäre je Aktie 1000 DM von ihnen versteuerte Mittel der Gesellschaft und erhalten nach Jahresfrist 75 DM zurück, die aber dann der Einkommensteuer unterliegen.