Von René Drommert

Die Tanzbücher, die in unserem Jahrhundert von Tänzern geschrieben wurden, sind zumeist Propagandaschriften. Es sind Werke, in denen erst die Besessenheit von einer tänzerischen Auffassung die schriftstellerische Eloquenz hervorruft. Dazu gehören, um nur zwei große Beispiele zu nennen, "Der Tanz der Zukunft" (1901) der Amerikanerin Isadora Duncan, die, anknüpfend an Natur und Antike, zu Beginn unseres Jahrhunderts gegen das Ballett einen Kreuzzug großen Stils entfesselte, und die programmatische, viele Anregungen Isadora Duncans weiter entwickelnde Schrift "Die Welt des Tänzers" von Rudolf von Laban (1922). Mit solchen kühnen Entwürfen tänzerischer Weltanschauung hat nichts zu tun –

Ilse Meudtner: "Tanz ohne Bühne", Biographische Erzählung; Hans E. Günther Verlag, Stuttgart; 293 S., 16,80 DM.

Es ist überhaupt kein Buch über den Tanz, sondern ein Buch über eine Tänzerin, die durch einen Unfall gezwungen wurde, auf ihren Beruf zu verzichten. Am Anfang des Buches, welches das Ende ihrer Karriere schildert, trainiert sie mit ihrem Gitarristen in Madrid noch für einen bereits angesetzten Tanzabend. Aber schließlich betet sie, um einen Ausdruck Heines zu gebrauchen, nicht mehr mit den Beinen, sondern geht auf Krücken.

Das ist das Spiegelbild der Wirklichkeit, die man in den letzten Jahren aus zahlreichen Berichten erfahren hat. Die eigentliche Leistung liegt also außerhalb des Buches, liegt vorher: Es ist die bewundernswerte Fassung, mit der die Berlinerin Ilse Meudtner ihr Schicksal auf sich genommen hat – trotz vieler anfänglicher Depressionen und Schwankungen. Man kann diese Beschreibung nur mit Respekt lesen. Allerdings – und das ist wohl zumeist übersehen worden – genügt eine kurze Überlegung, um dieses Schicksal doch nicht ganz so "tragisch" erscheinen. zu lassen, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Ilse Meudtner, die schon vor einem Vierteljahrhundert auf der Höhe ihrer (ein wenig zu dekorativer und anekdotischer Gefälligkeit neigenden) Kunst stand, hätte zweifellos nicht mehr sehr lange tanzen können. Inihrem Alter ziehen sich die meisten Tänzerinnen ohnehin von der Öffentlichkeit zurück...

Das Buch ist der Form nach zwitterhaft. Für einen biographischen Bericht ist es zu ungenau. So vermißt man gleich zu Anfang die Angabe eines Datums, zumindest wünschte man sich eine Jahreszahl, und nach hundert Seiten hat man resigniert. Auch werden die Personen nicht recht vorgestellt, wie es einer Biographie doch gewiß zukäme. So wird zum Beispiel lange Zeit mit einer Figur "Jürgen" operiert, ohne daß sie näher charakterisiert würde. Das ist ein Mittel der Vernebelungstaktik, die dem Stil eines Romans entsprechen könnte, aber der aufklärenden Tendenz und der helleren Sphäre einer Biographie unangemessen ist (erst langsam wird es dem Leser deutlich: Jürgen ist Ilse Meudtners Gitarrist und Partner).

Das Biographische wird allgemein so sehr erzählerisch verbrämt, daß man zuweilen das Gefühl dafür verliert, auf welcher Ebene man sich eigentlich bewegt. Ist das noch ein Dokument oder ist es die freie Schöpfung der Phantasie? Der Zweifel ist nur natürlich, da Ilse Meudtner eine erzählerische Begabung besitzt: Sie beobachtet gut und gerät immer wieder ins Fabulieren. Mit Vergnügen liest man zum Beispiel ihren Bericht, wie in Madrid in einem großen Gebäude 27 Köchinnen gleichzeitig ihre Köpfe zu den Fenstern, die zum Hinterhaus führen, hinausstrecken und wie ein verwirrendes Massengeschwätz zu hören ist.