R. N. London, im November

Der von der amerikanischen Ford-Zentrale vor Wochenfrist geäußerte Wunsch, die in ausländischem Besitz befindlichen 45 vH des Aktienkapitals ihrer britischen Tochtergesellschaft vollständig für 363 Mill. Dollar aufzukaufen, hat in Whitehall ein politisches Feuerwerk ausgelöst. Labour sucht mit beschwörenden Hinweisen auf die Gefahren der Überfremdung einer Industrie, die während der vergangenen Jahre mehr und mehr zum eigentlichen Motor der britischen Volkswirtschaft geworden ist, den Patriotismus des breiten Publikums anzuheizen: Das Schlagwort lautet „Dollarimperialismus“. Die über einen solchen „Ausverkauf“ nicht weniger aufgebrachten Gewerkschaften fürchten um die künftige Sicherung der Vollbeschäftigung. Und natürlich ist man in den Vorstandszimmern der kleineren heimischen Autofirmen gleichermaßen beunruhigt.

Ganz unverkennbar steht hinter dem auf ein größtmögliches Maß an kommerzieller Dis-Positionsfreiheit abzielenden amerikanischen Übernahmeangebot in erster Linie ein von der Marktsituation diktiertes Bemühen um maximale Rationalisierung im gesamten Bereich des Ford-Konzerns. Um so schneller würde ein Erfolg dieses Angebotes daher wohl jene neue Welle der Unternehmenskonzentration einleiten, die infolge der konjunkturellen Entwicklung und des massiven Kapazitätsausbaus der „Großen“ ohnehin anzurollen droht. Am gesamten Kapital der britischen Autoindustrie sind die Ford-Tochter und die seit je vollständig im Besitze von General Motors liegende Vauxhall Motor Co bereits mit mehr als 50 vH beteiligt. Weitere Zusammenschlüsse auf dem „nationalen“ Flügel – und selbst ein Aufgehen von Rootes und Standard-Triumph in der die Rangliste anführenden British Motor Corporation – scheinen unausweichlich.

An der Londoner Börse sind unter dem Eindruck dieses Widerstandes einige Zweifel an der Bereitschaft der Regierung laut geworden, das aus Gründen der Devisenbewirtschaftung genehmigungspflichtige Ford-Angebot zu sanktionieren. Ford-Titel, die vor zehn Tagen noch mit 92s notiert worden waren – gegen bis zu 120s im Frühjahr –, haben sich daher auch keineswegs schon auf dem bei 145s liegenden Äquivalent dieses Angebotes befestigt. Doch dürfte der Schatzkanzler in einer eigens dazu einberufenen Kabinettssitzung wohl ermächtigt worden sein, im Austausch gegen gewisse Zusagen in bezug auf die künftige Produktions- und Exportpolitik eine amtliche Zustimmung zu erteilen.

Wenngleich einige institutionelle Großaktionäre geltend machen, daß ein mit 145s bezifferter Vorschlag dem Wachstumspotential des Unternehmens nicht genügend Rechnung trage und daß er angesichts der Schwäche des Dollars auch einer Wechselkursgarantie bedürfe, so wird man das Angebot im großen und ganzen, bezogen auf die Vermögenssubstanz, doch als fair und angemessen betrachten müssen. Seine Honorierung soll in baren Dollars erfolgen, was übrigens den Währungsreserven des Sterlinggebietes zu einer 8prozentigen Aufstockung verhelfen würde! Die effektive Kontrolle der Ford Motor Co in Dagenham liegt ohnehin bei der amerikanischen Zentrale. Auf die Wahrscheinlichkeit einer nahen Genehmigung deutet auch eine Vielzahl jüngerer Präzedenzfälle hin, wobei beispielsweise die Trinidad Oil Co, die British Timken und die British Aluminium in amerikanische Hände übergingen.

Vor allem ist England seit je bemüht, amerikanische Direktinvestitionen anzulocken und ist auch seinerseits ein Großinvestor in USA. Summiert sich nämlich das Gesamtvermögen amerikanischer Tochtergesellschaften in Großbritannien auf annähernd 1 Mrd. Pfund – darunter Ford und Vauxhall, Monsanto Chemicals und Thomas Hedley, Esso Petroleum und Vacuum Oil, Kodak und Hoover, Woolworth und Heinz, Standard Telephones und Goodyear Tyre –, so erreicht die britische Anlage drüben fast dieselbe Höhe, zuzüglich einer mit 1,5 Mrd. Pfund zu beziffernden Portefeuille-Beteiligung an der dortigen Industrie. Courtaulds und Bowater Paper sind in USA stark engagiert, so auch Electric and Musical Industries, Borax Holdings, British American Tobacco, Shell, Unilever, English Sewing Cotton und eine Vielzahl großer hiesiger Versicherungsgesellschaften.

Wäre das Ford-Angebot auch in den Vereinigten Staaten genehmigungspflichtig, dann hätte Washington jedenfalls weitaus triftigere Gründe für eine Einsprache. Denn vermutlich zielt dieses Angebot ja nicht allein und ausschließlich auf jene bessere Koordinierung und Integration aller Produktions- und Investitions-Programme des Konzerns ab – die dort nicht gut möglich ist, wo Interessen fremder und unabhängiger Minoritätsaktionäre berücksichtigt werden wollen. Es soll der amerikanischen Muttergesellschaft zugleich die Nutzung gewisser steuerlicher Vorteile und ein größeres Maß an Bewegungsfreiheit unter der britischen Antitrustgesetzgebung ermöglichen. Eines der Motive liegt höchstwahrscheinlich auch in dem von Wechselkurs-Ungewißheiten ausgehenden Wunsche, bare Dollarbestände in Sterlinganlagen einzutauschen. Um so weniger dürften deshalb die amerikanischen Währungsbehörden von der Aussicht erbaut sein, daß ihre ohnehin scharf bedrängten Goldreserven demnächst um zusätzliche 250 Mill. Dollar schrumpfen werden.