Paris, im November

Kaum hundert Meter trennen auf den Champs-Elysées die beiden Schlangen, die vielleicht über die Zukunft des französischen Films entscheiden werden. Louis Malle, einer der begabtesten Vertreter der "neuen Welle", zeigt "Zazie dans le métro" ("Zazie in der Untergrundbahn"), nach dem bekannten Roman von Raymond Queneau, während "Altmeister" Henri-Georges Clouzot auf jede literarische Hilfe verzichtete, um "La vérité" ("Die Wahrheit") zu drehen. Allerdings verfügt er über ein Atout, das mächtiger ist als alle literarischen Berühmtheiten: Brigitte Bardot.

Es sind nicht nur zwei Generationen, die sich hier messen. Hier bekämpfen sich zwei Temperamente mit sehr verschiedenen Filmauffassungen. Die jungen französischen Regisseure begnügen sich nicht mehr mit den alten Ausdrucksmitteln: Sie wollen das Reich des Films erweitern, ihm eine neue Dimension erringen, um die Filmkunst ebenbürtig neben die anderen Künste zu stellen. Es ist nicht verwunderlich, daß sie ihre Inspiration in der Literatur suchen. Ihre literarischen Vorbilder sind oft die besten Vertreter des modernen französischen Romans. Für "Hiroshima, mon amour" suchte sich Alain Resnais als Drehbuchautor Marguerite Duras aus, und für seinen neuesten Film "L’annee dernière" ("Im letzten Jahr") wandte sich Resnais gar an. Alain Robbe-Grillet, den Vorkämpfer einer neuen literarischen Avantgarde.

Louis Malle, Alain Resnais, Claude Chabrol, Jean-Luc Goddard sind von der Literatur fasziniert. Sie versuchen, alle Verstrickungen der modernen Psychologie in ihren Filmen wiederzugeben: sie sind überzeugt, daß der Film mindestens dieselben Möglichkeiten hat wie das geschriebene Wort, und wahrscheinlich glauben sie selbst, daß er noch weitergehen kann, daß die Macht des Bildes stärker ist als die des Wortes.

Clouzot blieb von diesen Erwägungen unberührt. Für ihn ist der Film kein Laboratorium, sondern ein Ausdrucksmittel, das sich an die Massen wendet. "La vérité" ist kein Versuch, kein Wagnis, sondern die konsequente Anwendung alterprobter Mittel. Szenario und Drehbuch wurden nicht einem bekannten Schriftsteller anvertraut, sondern von mehreren bewährten Technikern im Laufe des Drehens ausgearbeitet. Die literarischen Vorbilder sind nicht Faulkner und Dostojewski, sondern die altbewährten Boulevardschriftsteller.

Clouzot zeigt uns einen Gerichtssaal. Ein junges Mädchen ist angeklagt, ihren Liebhaber ermordet zu haben. Tat sie es aus Ehrgeiz, aus Rachsucht, wie es der Staatsanwalt behauptet, oder aus Leidenschaft und enttäuschter Liebe? In zahlreichen Rückblenden erfahren wir ihre Vergangenheit, ihre Existenz in einem Milieu von Halbstarken, ihre Oberflächlichkeit, aber auch gleichzeitig ihre naive Aufrichtigkeit. Clouzot vertieft nichts, und selbst der einfachste Zuschauer wird in diesem Film nicht desorientiert und verwirrt werden. Er wird gleich bekannte Typen erkennen: den bösen Staatsanwalt, den zynischen Verteidiger, den brav-bürgerlichen Geschworenen und so weiter. Clouzot versetzt uns in eine Umgebung, die wir aus unzähligen Romanen, Filmen und Theaterstücken kennen.

Allein ein unvorhergesehenes Element verlieh diesem oberflächlichen Film eine unerwartete Tiefe: Brigitte Bardot. Clouzot begnügte sich nicht, einen gefeierten Star zu zeigen: er wollte wieder einmal beweisen, daß ein guter Regisseur selbst aus einer mittelmäßigen Schauspielerin ein Lebewesen schaffen kann. Dieser Versuch gelang ihm über Erwarten. Brigitte Bardot spielt nicht nur ein kleines, unsicheres Mädchen, sie wird zum Symbol einer verirrten und verwirrten Jugend.