Unter den deutschen und selbst unter den Westberliner Kreditinstituten, die infolge der besonderen Verhältnisse der Stadt z. T. auch jetzt noch in Konstruktion und Aufgabe eigenen Gesetzen unterliegen, nimmt die Berliner Industriebank AG eine Ausnahmestellung ein. Mit einer eigenen Kreditermächtigung stellte ihr das damalige Bundesministerium für den Marshallplan am 20. Januar 1950 die ersten 97 Mill. DM aus dem ERP-Sondervermögen in der Absicht zur Verfügung, der durch die vorangegangene Blockade um Jahre zurückgeworfenen Westberliner Wirtschaft, insonderheit der Industrie, den nachträglichen Anschluß an den Aufschwung in der Bundesrepublik zu ermöglichen. Bei 300 000 Arbeitslosen und einer erheblich überalterten Wohnbevölkerung von rd. 2,2 Mill. war diese zwar auch wirtschaftliche, mit Vorrang aber zunächst politische Aufgabe selbstverständlich nicht allein van einer Bank zu meistern. Sie konnte nur zu ihrem Teil daran mitwirken, durch den Abbau der Arbeitslosigkeit in unmittelbarer Nachbarschaft des Kommunismus politischen Zündstoff zu beseitigen und gewisse Grundlagen für ein Wiederaufleben des Willens der maßgebenden wirtschaftlichen Kräfte der Stadt schaffen.

Der wegen nochnicht beendeter Verhandlungen zur Verdoppelung des Grundkapitals erst zum 25. November einberufenen HV wird für das Geschäftsjahr 1959 (31. Dezember) eine inzwischen weitgehend überholte Bilanz vorgelegt, die wieder mit ausgeglichenem Ergebnis abschließt. Aus verständlichen Gründen hielten es die Aktionäre auch diesmal für richtig, die mögliche Gewinnausschüttung zugunsten einer weiteren Reservenbildung zu unterlassen.

An dieser Stelle erübrigen sich ausführliche Tabellen, die über das Wachstum der Bilanz im einzdnen Auskunft erteilen. Es genügt der Hinweis, daß die Bank bis zum Jahresende 1959 insgesamt 2,332 Mrd. DM zur Förderung der Berliner Wirtschaft bereitgestellt hat, wovon 1,119 Mrd. DM als originären GARIOA-(Gegenwert-)Mitteln und 913 Mill. DM aus Erträgen und Rückflüssen stimmten. Bis zum gleichen Stichtag hat die Bank an das ERP-Sondervermögen rd. 259 Mill. DM an Zinsen und rd. 889 Mill. DM an Tilgungen, zusammen also 1,148 Mrd. DM, abgeführt. Die originären Mittel, deren letzte Rate 1956 nur noch 19 Mill. DM betrug – seitdem wurde das jährliche Engagement von jeweils etwa 1 Mrd. DM allein aus den revolvierend eingesetzten Tilgungen und Erträgen finanziert –, sind also inzwischen voll amortisiert worden. Das Bilanzvolumen von gleichfalls etwa 1 Mrd. DM in den letzten Jahren setzt sich also letztlich aus echt erwirtschafteten Erträgen zusammen.

Die Bank verweist in ihrem Geschäftsbericht darauf, daß der effektive Erfolg der in Berlin investierten ERP-Hilfe noch erheblich größer war, da sie die Wirtschaft zu eigenen Investitionen angereizt hat. Die amerikanischen Verwalter des ERP-Vermögens in Washington haben wiederholt wissen lassen, daß der Erfolg der "Initialzündung" mit Marshallplan-Geldern an keiner Stelle in der Welt so verlustlos gewesen ist wie in Berlin. In der Tat gibt der Vorstand der Bank alljährlich bei der Bilanzbesprechung mit der Presse auf die Frage nach dem Verlust die stereotype Antwort: "Unverändert weit unter einem Prozent!"

Mit einer Fülle von differenzierten und nuancierten Finanzierungshilfen haben im Laufe des Jahrzehnts Tausende von Berliner Unternehmen Kredite erhalten und abgedeckt, ohne die viele von ihnen entweder überhaupt nicht entstanden oder nicht mehr am Leben wären. Bekannte Großbetriebe von internationalem Namen, darunter die Borsig AG, aber auch manche der weniger bekannten, für Berlin aber keineswegs weniger wichtigen Mittel- und Kleinbetriebe hätten die zuweilen jahrelange "Durststrecke" der Nachkriegszeit bis zur Gesundung mit Sicherheit nicht lebend überstanden, wäre die Industriebank nicht mit Krediten, "Eigenkapitalersatzfinanzierung" und anderen Hilfen in eine scheinbar aussichtslose Gläubigerposition gegangen. Die Bank ist dabei oft Risiken eingegangen, die eine private Geschäftsbank nicht hätte eingehen können. Dies getan zu haben, gehörte aber schließlich bis zu einem gewissen Grade zu ihrem Auftrag. Gewiß aber ist auch, daß sie die erhöhten Risiken fast ausschließlich dann eingegangen ist, wenn sie ganz oder überwiegend durch Bundes- oder Landesbürgschaften oder andere Sicherheiten gedeckt war. So ist es zu erklären, daß selbst bei der Finanzierung von rd. zehn in Berlin gedrehten Filmen, einem nicht erst durch das Fernsehen besonders riskanten Geschäft, in zehn Jahren überhaupt kein Verlust entstanden ist. gns.