Chancen für eine neue Partei? – Bund der Deutschen will auf eigene Kandidatur verzichten

R. Z., Hamburg

Zehn Minuten vor Beginn der Versammlung trat ein Herr mit betonter Unauffälligkeit durch einen Nebeneingang in den Saal. Er war gepflegt gekleidet und trug eine schwarze Hornbrille. Der Herr blickte sich kurz um: er schien niemanden zu kennen oder tat doch jedenfalls so. In der letzten Reihe setzte er sich allein an einen Tisch, bestellte Bier und lieferte fortan die filmreife Studie eines unbeteiligten Beobachters. "Verfassungsschutz", raunten die Leute an den vorderen Tischen einander zu.

Der Bund der Deutschen (BdD), der Mitglieder und Freunde ins Winterhuder Fährhaus in Hamburg eingeladen hatte, zählt zu jenen politischen Gruppen, die sich in ideologischen Niemandsland links der SPD angesiedelt haben und deren Vokabular manchmal erstaunliche Pankower Anklänge hat. Die Partei erhielt bei den letzten Bundestagswahlen nur 0,2 Prozent der Stimmen, aber sie hat jetzt, da trotz mancher Dementis weiter Pläne für die politische Sammlung der heimatlosen Linken erwogen werden, abermals an Interesse gewonnen. Und so war denn auch diese Versammlung ein Symptom dafür, daß die Gruppierungen der Linken nun, da Pazifisten und Neutralisten in der SPD nicht mehr zu Wort kommen, nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten. Sie hoffen, jenes politische Terrain, das die SPD aufgegeben hat, für sich erobern zu können.

"Eine neue politische Kraft muß geschaffen werden: die Unionspartei", forderte Helmut Bausch, Vorstandsmitglied des BdD. "Der Bund der Deutschen ist bereit, auf eine eigene Kandidatur bei den Bundestagswahlen zu verzichten, wenn sich die Union als aussichtsreiche politische Gruppierung erweist." Der SPD könne man nicht mehr vertrauen.

"Verräter seit 1912!", grollte ein Zwischenrufer.

Ja, fuhr Bausch fort, wenn Heinemann Kanzlerkandidat der SPD wäre ... Aber jetzt stünden Leute wie Brandt, die in ihrem Chauvinismus sogar Adenauer überträfen, an der Spitze. Und Heinemann, der rastlos unterwegs sei, um seine Freunde am "Abbröckeln" zu verhindern, habe im Grunde schon kein Vertrauen mehr zur SPD. "Fragen Sie ihn privat!"