Wer einst in der Erdkundestunde geschlafen hat, konnte es vor kurzem im Fernsehen lernen: Theben liegt auch in der Bundesrepublik. Zwei Arbeiter trugen ein Transparent über den Bildschirm: "Besucht Theben, das internationale Thermalbad."

So geschieht’s in Claus Hubaleks Bühnenstück "Die Stunde der Antigone das jetzt im Fernsehen uraufgeführt wurde. Sein Versuch, einen oft interpretierten Stoff neu zu gestalten, zielte auf das deutsche schlechte Gewissen. Antigone, jenes unbeirrbare Mädchen, das gegen das Verbot des Statthalters Kreon ihren erschlagenen Bruder begraben will, muß mit dem Tod dafür büßen. So bei Sophokles. Antigones Bruder Polyneikes nun wurde bei Hubalek zum deutschen Soldaten, der von Bürgermeister Kreon ermordet wird, als er die Greuel, die die Stadt an ihren Fremdarbeitern begangen hat, aufdecken will. Man verscharrt ihn zusammen mit den ebenfalls getöteten Fremdarbeitern unter den Rabatten des Kurparks. Antigone will ihn fünfzehn Jahre danach ausgraben, um so das Unrecht bloßzulegen. Bürgermeister Kreon aber steckt sie in ein Irrenhaus. "Antigone ist gemeingefährlich", sagt der Arzt, denn wehe dem, der es wagt, das saturierte Gewissen einer verbrecherischen, aber schlafenden Gemeinde aufzuwecken.

Hubaleks Stück ist packend. Streckenweise steigert es sich zur ungeheuren Anklage, gestützt durch das Spiel von Luitgard Im. Wie eine stechende Distel ist Hubaleks Antigone; sie wird den Menschen nur deshalb unerträglich, weil sie konstant die Wahrheit sagt. Jedoch: der antike Stoff wurde nicht ganz bewältigt. Es war, als wenn der Autor dauernd versuchte, einen Schlüssel zu finden, der in das kunstvolle Schloß der antiken Tragödie paßt. Nach dem Motto "Wie schaff’ ich meine Toten?" unterlief dem Autor eine Unglaubwürdigkeit nach der anderen. Beachtenswert blieb der Versuch, den antiken Stoff an der jüngsten Geschichte zu messen. Jürgen Zimmer

Müder Tanz

Eine verlockende Geschichte, die "Story der amerikanischen Tanzmusik" hörbar zu machen. Nachdem die "Story vom Jazz" mit äußerster Beflissenheit gedruckt und gesendet worden ist, kommt nun der Tanzschlager (oder der Schlagertanz, wie man will) an die Reihe. Und nach all den bösen Worten, die die Erwachsenen für die bösen jungen Leute und ihre "gefährlichen" Tänze heutzutage gefunden haben, war man sehr geneigt zu hören, wie es damals gewesen ist. Es war genauso. Die lose Jugend hatte einst ebenso hingebungsvoll getanzt. Über den NDR kam nun die erste der Sendungen, die "vom Ragtime zum Rock’n’Roll" führen sollen. Ihr Titel: "Vom Walzer zum Cake-Walk". Eine imüsante Sendereihe, soweit die Musik gemeint ist. Das, was der Autor dazu plaudert, ist jedoch von jener unverbindlichen Oberflächlichkeit, die – weitverbreitete Ansicht – dem Stoff angemessen zu sein scheint. Dabei verdiente dieser Stoff nun wirklich einen etwas tiefer grabenden Verfasser, der nicht nur emsig Anekdoten zum besten gibt und sich mit der Großvaterstuhl-Bemerkung begnügt: "Jaja, so war das damals also auch schon ..." m. s.

Wertvoller Nervenkitzel

Der Hessische Rundfunk sendete ein erschreckendes Hörspiel: "Sechs Gramm Caratillo" von Horst Bienek. Da erprobt ein Medizinstudent im Selbstversuch die tödliche Wirkung eines mexikanischen Giftes. Eingesperrt, erwartet er den Tod. Den Wecker hat er auf eine halbe Stunde später gestellt. Er wird das Läuten nicht mehr hören. Neben ihm läuft ein Tonband, um den quälenden Monolog des Sterbens festzuhalten. Da überwältigt ihn die Erinnerung. Es soll kein Selbstmord sein, nur eine wissenschaftliche Untersuchung. Und doch geschieht alles, weil das Leben durch Ausweglosigkeit zum Wegwerfen widerlich wurde. Und dann, im Todeskampf, bricht der kleine Übermensch zusammen. Er betet zu Gott um sein Leben. "Was geht mich das wissenschaftliche Getue an?" Der Wecker rasselt.