Von Johannes Jacobi

Schauspielern, die etwas können oder als etwas gelten, ist es selten so gut gegangen wie heute. Durch die Vervielfältigung der Darstellungsmittel haben sie das Heft wieder in die Hand bekommen, nachdem es eine Weile vom Regisseur geführt worden ist. Funk und Film mochten für Bühnenschauspieler als Nebenbeschäftigungen gelten oder, was den Film betrifft, als ein Instrument, um bekannt zu werden. Nun aber gibt es auch in Deutschland das Fernsehen und davon bald ein zweites und ein drittes Programm. Dafür braucht man Schauspieler, Schauspieler und nochmals Schauspieler, zumal das, was sich unbestimmt "Fernsehspiel" nennt, vorläufig nichts anderes als Theater im Miniaturformat ist.

Diese Vielfalt an schauspielerischen Betätigungsmöglichkeiten macht sich nachteilig für die Bühnen bemerkbar. Nicht einmal die ensemblefrömmsten Intendanten können begehrte Mitglieder festbinden; sie müssen ihnen auch während der Spielzeit Urlaub geben. Die Teil- und Stückverträge, mit denen der Schein des Ensembletheaters aufrechterhalten wird, wirken sich auf die Schauspieler selber so aus, daß diese mehr und mehr zu Spezialisten werden.

Je selbständiger sie sich "verkaufen" können, desto weniger verspüren sie nämlich Lust, sich der umbildenden Arbeit zu unterziehen, die in einem geschlossenen Ensemble durch die Übernahme heterogener Rollen für den einzelnen notwendig ist. Man wird ein "Typ". Was solch ein Künstler augenblicklich kann, das stellt er bald hier, bald dort und möglichst während einer Spielzeit an mehreren Bühnen nacheinander zur Schau.

Die neue Freizügigkeit des Schauspielers ist eine Folge der Konkurrenz, die dem Theater in den "Massenmedien" erwachsen ist. Obwohl diese vom Theater profitieren, von seinen Autoren und von der Ausbildung, die die Darsteller im Hinblick auf Bühnenaufgaben genossen haben, verhandeln die Film- und Fernsehgewaltigen nicht mit dem Intendanten, sondern mit dem Schauspieler selbst oder mit seinem Agenten. Wo sich ein prominenter Schauspieler augenblicklich aufhält, wann er "frei" ist, was er kostet, das weiß heute fast nur der Agent. Eine kleine Gruppe von Managern des Unternehmers Schauspieler hat sich als dritte Kraft in die Verwertung von künstlerischer Darstellungsenergie eingeschaltet.

Ist damit ein neues Zeitalter des Schauspielers angebrochen? Geht die Herrschaft des Regisseurs nach einem halben Jahrhundert zu Ende? Eins muß zugegeben werden: Wer Theater kritisch betrachtet, der war während der letzten Jahrzehnte manchmal versucht, das Instrument des Regisseurs, den Schauspieler, zu gering einzuschätzen. Aber es gab und es gibt für diese Gefahr gute Gründe. Als der Regisseur seine Herrschaft im Theater antrat, da erstand – wenigstens im Prinzip – ein Anwalt für den Autor. Folgerichtig entwickelte sich Theaterkritik vom Schauspielerporträt zur dramaturgischen Kritik.

Sie ist noch heute berechtigt. Der Ausbildungsstand der Komödianten läßt so viel zu wünschen übrig, daß Regie oft gleichbedeutend ist mit schauspielerischem Nachhilfeunterricht. Wenn der Regisseur aber nicht mit einer geistig sinngemäßen Rollenkonzeption seiner Darsteller rechnen kann, dann ist es verständlich, daß er ihnen verbietet, den Text auch nur anzulernen, bevor sie seine, des Regisseurs, Stückkonzeption kennengelernt haben. Diese Praxis hat sich derartig eingebürgert, daß umgekehrt nun auch Schauspieler einen Regisseur, der noch der letzten Charge, etwa einem Stubenmädchen, nicht deutlich erklärt, ob und wie und warum sie mit den Hüften zu wackeln habe, für einen schlechten Künstler seines Fachs halten.