Von Walter Jens

Zwerge, Irre und Huren, Trunkenbolde und Narren bevölkern die Bühne; die Literatur der Moderne gleicht dem Pandämonium des Hieronymus Bosch; der Roman hat die Ausmaße eines Schreckens-Kabinetts; Caligari guckt durch den Vorhang. Der "positive" Held scheint gestorben zu sein; die Zonen des Edlen, Guten und Schönen sind zu Reservaten der Gemeinde-Dichter geworden: das "Normale" als Exerzierplatz der Mediokrität. Sollte hier etwas nicht stimmen?

Gewiß, der Alltag ist nun einmal schwerer zu beschreiben als die Exorbitanz; Jago, Mephisto und Franz sind "dankbarer" als Othello, Faust und Karl; das Schillernd-Diffuse lockt die Phantasie viel stärker als die Selbstverständlichkeit an – aber muß darum der Himmel für alle Zeiten ein Objekt der Traktätchen-Dichter bleiben, während die Meister aus Ost und West – Brecht nicht anders als Bernanos – das Licht vom Schatten aus herbeizaubern wollen: die Idealität, gespiegelt in den Augen einer höllischen Fratze; der Wert, bewiesen aus dem Gegenwert: Gott, auf die Maße eines Anti-Teufels reduziert, der Held der neuen Zeit als ein Nicht-Kapitalist?

Ich fürchte, die Großen machen es sich denn doch ein wenig zu leicht, wenn sie den Bannkreis des Makabren, die Teufelspakt-Zonen so selten verlassen. Natürlich ist ein Krebs sehr leicht und ein Schnupfen sehr schwer, ein Mörder sehr einfach und ein Durchschnittsmensch sehr mühsam zu analysieren; natürlich gibt der Chirurg mit den goldenen Händen scheinbar mehr her als der Oberinspektor – und dennoch erweist sich der Meister erst in der Darstellung der Banalität.. eine ausweglose Liebe: sehr leicht zu beschreiben; eine glückliche Liebe: schon schwerer; eine Alltags-Ehe: hier wird das Genie, ein Autor von Hofmannsthals Rang, in die Schranken gefordert.

Mit einem Wort, da es das "Gute" denn auch wohl noch gibt, sucht der Literatur-Freund, der Hausmanns und Genets in gleicher Weise überdrüssig, nach der adäquaten Gestaltung der Wert-Welt. Wo aber, fragt er, finden sich in der Dichtung dieser Zeit Moralitäten von poetischem Rang? Bei der Verfolgung dieser Frage stößt er sehr schnell auf den Namen Gerd Gaiser. Hier, im Werk des schwäbischen Autors, Pfarrersohns und Studienrats, gibt es noch Lichtgestalten: Ness, Oberstelehn und Soldner; hier ist die Güte nicht getilgt; hier wird im Namen des Rechts und des Anstands gekämpft: doch auf welchem Niveau? Traktat oder Literatur: das ist die Frage.

Eine erste Betrachtung des Gaiserschen Werks läßt den Kritiker nachdenklich werden: der Gegensatz von Licht und Schatten, Hell und Dunkel, scheint allzu simpel; die Akzentuierungen wirken fatal. Hier das Gesindel, dort der Edelmensch; hier Herse Andernoth, die keusche Kriegerwitwe, mit der Tochter Diemut, als deren Merkmal ein Zopf figuriert; dort, böse, schwarz und geil, Rakitsch, ein dunkel blickender Lüstling, "widerwärtig", von "geschmeidiger Höflichkeit", das Mitglied eines "Stammes, der gewohnt war, sich zu biegen, um am Ende oben zu sein" – nein, diese Antithesen zwischen germanischen Sonnengestalten und einer "giftigen Spinne", die wie ein leibhaftiger Veitel Itzig parliert ("es wäre vielleicht gut, wenn ich führe gegen einen Baum"), will uns ganz und gar nicht gefallen. Man braucht noch nicht einmal, von politischer Feindschaft verblendet, Gaisers unselig-gehässige Gedichte aus dem Dritten Reich zu zitieren, um zu erkennen, daß der Gegensatz zwischen den Gesunden und den Kranken, den Bäurisch-Verwurzelten und – Gaisers Todfeinden – den Intellektuellen, den Erdverwachsenen und den morbiden Städtern, den Hungernden und den Reichen das Symbol des Hohen Meissners beschwört. Gerd Gaiser als unbelehrbaren Nationalsozialisten zu denunzieren, wäre, so betrachtet, nicht minder abwegig als zu leugnen, daß sein Gesamtwerk im Zeichen einer romantisch-völkischen Betrachtungsweise steht, die, antisemitisch getönt, im Namen des "Reinen" und "Echten" argumentiert. Gerade das neueste Buch erhellt Gaisers Herkunft aufs schönste –

Gerd Gaiser: "Am Paß Nascondo"; Carl Hanser Verlag, München; 248 S., 13,50 DM.

Diese Geschichten – scheinbar in einer irrealen Ernst-Jünger-Landschaft angesiedelt, in Wahrheit handfest graubündisch-rätoromanisch – umkreisen, locker gefügt, die Auseinandersetzung zwischen dem hoch zivilisierten, überfeinerten Vioms und den anarchisch-brutalen Bewohnern der Calvorgora. (Das Buch besteht aus vierzehn Etüden; neun behandeln das gleiche Sujet, drei fallen, in Tenor und Stil, aus dem Kontext heraus, eine, "Ich warte auf Ness", las man schon anderen Orts.)

"Am Paß Nascondo" ist ein enthüllendes Buch. Mit Respekt heischender Ehrlichkeit analysiert der Verfasser sein Ideal-Bild: Brunnenwasser, "keusch und unverchlort" ("Ich habe ein Faible für Brunnenwasser"), "nichts aus Eisschränken", statt dessen zerbröckelnde Türme, mittelalterliches Gemäuer, das Gehabe von Männern und Frauen, die einem gerade in die Augen schauen: "sauber hergerichtete, offen blickende und verständige junge Leute", Menschen, "denen etwas abverlangt wird". Rechte Kerle trinken den Wein aus irdenen Tassen, Touristen hingegen "liebten das herbe Gewächs nicht, sie ließen sich gewöhnlich die aufgezuckerten Marken kommen."

In der Tat, der alte Gaisersche Gegensatz: die an Lagerfeuern, unter Klampfenklängen, ausgedachte Antithese feiert fröhliche Urständ – die "Schlußball"-Decadents aus dem reichen Neuspuhl erscheinen hier als müde Viomser, die fern allem Natürlichen, abseits von den Quellen der Natur dahinvegetieren:

"Das Haus der Aldermanns war geräumig, sehr geräumig sogar, gedämpft altmodisch, jedoch mit dem Neuesten an Hygiene ausgestattet; es war ein keimfreies, gut entstaubtes und bekömmlich ventiliertes Haus.. Auf den Tisch kam in diesem Haus nichts, das in Vioms gezogen oder zubereitet gewesen wäre. Was das Land hergab, galt dort grundsätzlich als nicht genießbar. Mindestens mußte es Prozeduren unterzogen werden, vor allem der des Einfrierens."

Die armen Städter! Chlor, Hygiene und Eisschränke haben sie wohl ... aber mit den Schlangen zu sprechen, verstehen sie nicht: das können nur die andern, die Gesunden, die nicht, wie wir, "aus Übermüdung ein Gespräch" scheuen, kernige Recken, die noch vom alten Schlag sind – von der stolzen Art des Erzählers: "Ja, ein gutes Leben war es in Puntmischur, und herrlich genoß sich die Einsamkeit draußen, spürte man hinter sich, was einem in Puntmischur gehörte: ein Tisch, ein Dach, ein Bett."

Ich möchte nicht mißverstanden werden – Romantik ist eine ehrenwerte Sache; wer einmal die Feuer lodern sah, in der Sonnwend-Nacht, kann, sagt man, den verglimmenden Glanz nicht so schnell vergessen. Es kommt nur darauf an, in welcher Weise es dem Poeten gelingt, das Bild des Hohen Meissners im Atomzeitalter lebendig zu erhalten. Mit einer Schwarz-Weiß-Zeichnung, im "Schlußball"-Stil, ist es gewiß nicht getan. Charakterisierungen wie "sie war noch in einem langen seidenen Morgenrock und hatte im Mund eine Zigarette, die in einer langen weißen Spitze steckte" reichen nun leider nicht aus, um die Frivolität einer Dame zu skizzieren.

Doch Nuancierungen sind Gaisers Sache noch niemals gewesen, in der Figurenzeichnung und, vor allem, im Sprachlichen nicht. Es muß einmal gesagt sein: Unter allen Nachkriegsautoren, die zu Ruhm und Ansehen gelangt sind, scheint Gerd Gaiser der schlechteste Stilist zu sein. Sein Deutsch ist, mit einem Wort, miserabel.

Man könnte Blätter mit Stilblüten füllen: "Die Seiten des Berges lagen unendlich ansteigend vor mir"; "merkwürdig, dachte ich, dieses neu eröffnete Badeleben" (das eröffnete Leben: Anatomie der Sommerfreude!); "Die Ahornblätter rührten sich, süß und grün vor den Fenstern"; "Der Himmel machte mich.. sinnlos freudevoll"(??).

Noch ärger steht es mit den – am liebsten durch ein ist es" oder "schlecht ist es" eingeleiteten – Maximen: "Gut ist eine Gefährtin auf den abgelegenen Vorsässen, eine, die für dich wäscht und mit dir ißt und schläft" oder "Gut war jetzt im Tal wohnen, wo der Mensch bestehen kann" oder "schlecht war es, wachen zu müssen in den nackten steinernen Türmen." Ja, das sind goldene Regeln, die man beherzigen könnte, wenn der Autor sie ein bißchen gewandter vortrüge und nicht immer alles als "herrlich" ("durch die herrliche, glänzende Luft gingen sie unten mit ihren Sensen") und "wunderbar" bezeichnete; wenn er ein wenig transponieren würde (ein ganz klein wenig nur!), statt von unbegreiflicher Reinheit" zu predigen und sich die Welt ständig "in Glanz und Licht baden" baden!) zu lassen.

Und selbst das möchte noch hingehen, sofern der Stil wenigstens einheitlich-feierlich wäre; doch zum Unglück des Autors entsprechen den epigonalen Bildern Anhäufungen von gespreizten Wendungen: "Ich habe mich dergestalt vergessen, daß ich aufgehört habe .. ."; "Zugleich schienen diese Bilder dadurch, daß sie da waren, ihren Gegenstand aufgehoben zu haben, so daß nun nichts mehr sich zu wiederholen brauchte (man wartet, angsterfüllt, auf ein drittes "daß"!). Fatal sind die Adverbien; fatal das "seltsamerweise", "sinnloserweise" und "somit"; fatal das Mal für Mal wiederholte "da schoß es mir durch den Kopf". Fatal sind Sentenzen wie "Sie konnten nicht fehlen; ihnen fehlte nichts"; fatal sind die Charakterisierungen: "diese ältere, müde Person, die schon ein wenig ansetzte, aber früher war sie wohl etwas wie ein Rennpferd gewesen"; fatal sind die (nicht als Prinzip verwandten) Stilbrüche: hier "gliss" und "Trocknis", kühne Wortneubildungen, entwachsen dem Boden der Schwäbischen Alb, dort: "seine Frau war ein operativ sanierter Prachtbau"; hier "öfters" – Gaisers Lieblingswort –, dort "perlmuttrig"; hier barockes Pathos, dort Jargon. Fatal ist die Verwechslung von Szene und Bericht: die kulturhistorischen Traktate im Dialog; fatal ist... aber genug. Ich habe am Ende denn doch einige schöne Sätze und Bilder entdeckt; ich habe lange gesucht, aber sie sind mir. nicht entgangen, die lyrisch-zarten "Marmorklippen"-Töne: "da und dort rannen in den klaren Fluß Färbungen ein, rötliche Eisentöne, Rauchschleier, ein zartes Weinblau" oder "die von Spinnweben bärtigen Kragsteine" oder – ein Flugzeugblick – "die Lichtspinnen der Innenstadt, bunt beperlt, ein Laufen, Zucken und Flimmern."

Immer, wenn Gaiser als Maler beschreibt, gelingen ihm plastische Sätze; wenn er dagegen Maximen vorträgt oder schlichtweg erzählt, scheitert er.. hier und in den anderen Büchern. Weder die altvorderlich-pietistische Belehrung noch das Pathos der Zelte und Klampfen, weder die simple Darstellung noch die Deutung ist seine Sache. Gaisers Stärke liegt im Entwurf des Kolorits; von Farben versteht er sehr viel.

Ich könnte mir denken, daß er ein bedeutender Maler ist, denn ein bedeutender Schriftsteller ist er gewiß nicht; und ich hätte mir die lange, zitatreich-belegende Analyse an dieser Stelle, wo Werke von Rang betrachtet werden sollen, sehr, sehr gern erspart. Aber leider hat man Gaiser – sicherlich aus ehrenhaften Motiven – auf ein Podest gehoben, das ihm niemals gebührt. Die Gründe dieser Überschätzung liegen auf der Hand: nachdem Kolbenheyer, Griese und Hans Grimm (ein großer Novellist, nebenbei mehr oder minder verstummt waren, glaubte man in Gaisers Büchern eine Stimme zu vernehmen, deren Tenor zum festlichen Konzert gehört: das Tiefsinnig-Raunende, Stabreimend-Beschwörende, das Wortschöpferisch-Dunkle, Feierlich-Mythische, Widerpart des "Asphaltliteratentums", heroisch und anti-zivilisatorisch. Das Wort des Jägers und Lehrers als Richtspruch der Zeit: war hier nicht, unter den Schriftstellern, endlich wieder ein Dichter entstanden?

Ein Dichter? O nein! Ein Mann, dessen Prosa schon – Gaiser an Gaiser gemessen – Höhen erreicht, wenn er schreibt: "meine Abneigung gegen Zeitungen war nicht zu mehr gut, als daß ich erst ziemlich lange hinterher erfuhr, was in Neuspuhl noch gewartet hatte" – ein Mann, der unabsichtlich die schwersten grammatikalischen Schnitzer macht, Sätze wie "sie glänzte von Injektionen" (!!) bildet und hinter barocken Bildern die Unfähigkeit, präzise Sätze zu formulieren, verbirgt – ein solcher Mann wird, wegen seines Fleißes und seiner Ehrlichkeit, unsere Achtung verdienen – als ein guter Schriftsteller aber kann er beim besten Willen nicht gelten. Es gibt nun einmal einen Maßstab: die Sprache.

Immerhin, wird man einwenden, mag Gaiser als Stilist auch nicht zählen, so gibt er seinen Lesern doch, im Unterschied zu anderen Poeten, "etwas mit", eine Aussage, eine Moralität, einen Wink, und zeigt, als legitimer Kritiker der Zeit, unter dem Chaos die Ordnung, hinter der Denaturation die Natur.

Nun gut, "Am Paß Nascondo" symbolisiert – auch hier, wie so oft, erweist sich Gaiser als ein Ernst-Jünger-Adept – eine konkrete Situation: "Drüben zum Beispiel, im Mandat, kommt einer auf die Liste, wenn er produktiv ist; ist er es nicht, fällt sein Name aus. Sie nennen es produktiv und meinen, er muß funktionieren. Und auf unserer Seite funktioniert er, indem er konsumiert, wie es seiner Steuerklasse entspricht, womöglich drüber. Das kommt auf ein und dasselbe heraus." Ein poetisches Gleichnis: das gespaltene Deutschland, Zeitkritik in Chiffre und Bild? Nein, Teil eines schlecht geschriebenen Leitartikels oder Abiturienten-Aufsatzes, provinziell gefärbt, sehr plump und sicherlich sehr gut gemeint... doch "gut gemeint" ist ja, nach Gottfried Benn, das Gegenteil von Kunst.