Nicht nur in Wirtschaftskreisen sind sie gern gesehen. Auch Männer, die ihren Ruhm eher einer Artikelreihe über Gipfelkonferenzen verdanken als einem neuen Luxuswagen, schmücken ihre Parties gern mit Mannequins. Ein junger Freund etwa, der sich auskennt, wird gebeten, sechs oder sieben der kostbaren Geschöpfe mitzubringen, die heute anscheinend das Gelingen jedes Festes garantieren. Doch ist es zu billig, mit dem Begriff Mannequin nur Dutzendmerkmale zu assoziieren und Moral und Intelligenz dieser hochbeinigen Geschöpfe von vornherein anzuzweifeln. Der 24jährigen Inge-Marie Hellinga aus Oberhausen täte man mit solchen Zweifeln unrecht. Sie beherrscht drei Fremdsprachen: Englisch, Französisch und Holländisch. Sie ist sehr glücklich mit einem jungen holländischen Schriftsteller verheiratet; sie hat eine zweijährige Tochter; und ihr Lieblingsschriftsteller ist Joseph Roth. Und doch ist Inge-Marie Hellinga eine typische Vertreterin ihres Berufs, aus dem manche durch Heirat schon bis vor Königsthrone gelangt sind.

Zu den Frühjahrsmodenschauen, die kürzlich auf der "Durchreise" gezeigt wurden, waren etwa 1500 Mannequins in Berlin. Knapp 1000 von ihnen haben hier ihren ständigen Wohnsitz. Nur die Hälfte arbeitet dauernd in Berlin. Allen diesen Mädchen sind die ungewöhnlichen Körpermaße gemeinsam, mehr nicht. Manche kommen aus Paris und manche vom Wedding. Es sind Studentinnen darunter, die eines Tages von einem der prominenten Modephotographen "entdeckt" wurden und den Laufsteg amüsanter fanden als die Hörsäle; ehemalige Schneiderinnen und gescheiterte Tänzerinnen – aber auch Ehefrauen mit drei Kindern, die noch immer Taillenweite 56 haben und mit ihrer Saisonarbeit eine ganze Familie ernähren. Nicht alle sind schön, nicht einmal jung sind sie alle, denn auch die besten Berliner Modellkonfektionäre trösten manche Kundin gern mit dem Anblick eines Mannequins, dessen zarte Faltenfächer nicht mehr zu überschminken sind.

Die Bezahlung in diesem Beruf ist so unterschiedlich wie die Herkunft der Mädchen auf dem Laufsteg. Es kommt auf das Haus an, in dem man vorführt, und auf die Art des Vertrages. Es gibt kurzfristige Verträge, die nur für die Dauer der Proben und der anschließenden Modenschauen Gültigkeit haben. Oft ist gerade in diesen Fällen die Bezahlung sehr gut, wenn es sich etwa um ein Mannequin aus Paris handelt, das anschließend wieder bei Dior vorführt. Und es gibt Mannequins, die einfach ein Monatsgehalt bekommen und die Zeiten zwischen den Schauen mit anderer Arbeit in ihrem Modehaus ausfüllen. Vorgeschriebene Tarife – wie etwa bei Sekretärinnen oder Lohnbuchhalterinnen – gibt es in diesem Beruf nicht.

Die Berliner Modehäuser veranstalten vier Schauen im Jahr; Ende Mai und Anfang November zeigen sie die sogenannten Hauptmusterungen, dazwischen liegen die Nachmusterungen, die sich stark nach den Pariser Schauen orientieren. Für die Hauptmusterung haben die Mannequins etwa vier Wochen lang Anproben; dann führen sie zehn bis vierzehn Tage vor. Die Nachmusterung beansprucht im ganzen nur knapp vier Wochen. Die Mannequins sind also, selbst wenn sie gut verdienen – nehmen wir einmal 1500 Mark pro Hauptmusterung an –, darauf angewiesen, möglichst in den Pausen zwischen den Hoch-Zeiten der Mode weiterzuarbeiten. Für die Mädchen, die in den ersten Berliner Häusern arbeiten, ergibt sich dieser Zwischenverdienst oft automatisch: Sie arbeiten als Photomodelle.

Aus diesen Einzelheiten erhellt, wie sehr gerade dieser Beruf vom Zufall abhängt. Mit "Tüchtigkeit" ist hier nichts zu erreichen, nicht einmal Schönheit garantiert dauernden Erfolg. Denn ein Mädchen, das noch im Baby-Doll-Look entzückend hilflos und kindlich wirkte, kann für die sachlich-elegante Linie, die die Berliner Modellkonfektionäre für den nächsten Sommer propagieren, schon gänzlich ungeeignet sein. Man braucht also gute Nerven oder Mut oder die heiter-verspielte Gelassenheit; mit der Inge-Marie Hellinga ihren sonderbaren Beruf ansieht. Unser Photograph hat Frau Hellinga einen Tag lang während der Berliner Durchreise begleitet. Wir setzen mit diesem Bildbericht unsere Reihe fort, in der wir Menschen schildern, deren Beruf durch die moderne Gesellschaft geprägt wurde.