Von Carl Zuckmayer

Der Name des Schauspieler-Dichters von Stratford, William Shakespeare, wird kaum zwei- oder dreimal erwähnt – und doch ist es ganz und gar vom Geist jener Epoche durchtränkt und geprägt, die uns das vitalste, wortmächtigste, phantasievollste und gestaltungskräftigste Theater in christlicher Zeitrechnung hinterlassen hat, das Buch von

Ludwig Berger: "Arabella Stuart"; Gebrüder Weiß Verlag, Berlin; 355 S., 16,80 DM.

Der Stoff, die Handlung, die Figuren, durchaus der Historie entnommen, könnten in ihrer Gradlinigkeit und in ihren Verwicklungen den Elementarstoff zu einer Handvoll Dramen hergeben, und wie die Historien der elisabethanischen Dichter werden sie dem gegenwärtigen Leser Schlüssel und Gleichnis für Gegenwärtiges.

In einem Einleitungskapitel, das er als ‚Romantischen Beginn‘ kennzeichnet, stellt Ludwig Berger sein menschlich-überzeitliches Thema auf, das durch all die Sonatensätze und symphonischen Abwandlungen des Werkes immer durchklingt – und es ist einfach genug: "Ein unpolitischer Mensch, der in die Politik gerät, und daran stirbt." Das, meint der Autor, gehe uns etwas an. Wer, der in unserem Jahrhundert lebt, wird es bezweifeln?

Ein unpolitischer Mensch: eine junge Frau von glänzenden Anlagen, vornehmster Geistes- und Herzensbildung, kindhaftem Liebreiz – die zarte, rötlichblonde Arabella Stuart, Nichte der unglücklichen Queen of Scots’, und, wie ihr Vetter Jakob, Urenkelkind einer Schwester Heinrichs des Achten – gerät durch die ehrgeizigen Pläne ihrer adligen Verwandtschaft in die Wirren und Intrigen um die Nachfolge der großen Elisabeth. Sie selbst ist ganz ohne Ehrgeiz, mehr dem Spiel, der Kunst, den Träumen zugewandt als dem ‚Realismus‘ der Politik. Eine Zeitlang wird sie als Prätendentin von verschiedensten Seiten ausgespielt, eine kurze Zeit lang, noch in ihrer Kindheit, von Elisabeth selbst dafür ins Auge gefaßt. Schließlich erreicht ihr Vetter, Jakob von Schottland, das Ziel; und Arabella, so scheint es, von der unsichtbaren Last und dem Fluch einer nicht gewünschten Krone erlöst, wird sich ihrer natürlichen, weiblichen Bestimmung, den Verstrickungen und Geheimnissen ihres Herzens statt denen der Kronräte und Staatsakten, hingeben dürfen. Aber ihr Unstern, oder eine dämonische Schicksalsverkettung, will es, daß ihre Liebe, bei ihr in höchstem Maße eine Phantasiegewalt, sich an der Leidenschaft des bedeutend jüngeren, männlichungestümen William Seymour entzündet, der, seinerseits auch aus königlicher Verwandtschaft, im Todesfall seines älteren Bruders gleichfalls Thronansprüche geltend machen könnte. Er will es nicht, und sie will es nicht, sie wollen nichts als einander angehören. Doch das scheußlichste Verhängnis, das über Geschlechtern und Einzelmenschen walten und ihre Lebensansprüche vernichten kann – die Angst, in diesem Fall die Angst König Jakobs um die gesicherten Rechte seines Hauses – macht ihre Verbindung zur immanenten Staatsgefahr, der man durch Verbot, Bestrafung, Verfolgung, Inhaftierung begegnet. Nach einem verunglückten Fluchtversuch, der nur den Mann aus der Gefangenschaft ins rettende Frankreich, sie aber auf einer königlichen Fregatte nach England zurückversetzt, beschließt sie ihr noch junges, verheißungsvolles Leben, in schwermütigen und hellsichtigen Träumen dahinsiechend, als Gefangene des Königs im Tower.

Das ist die Geschichte, die der Autor erzählt. Er tut es ohne literarische Ambition, aber mit einem heute selten gewordenen, gepflegten Wohlklang der Sprache, in der Art und mit den Mitteln des ,traditionellen‘ historischen Romans; wofür ihn manche bestallten Fachanwälte des modischen Schrifttums beschreien mögen, weil ‚man‘ heute nicht mehr so schreibt: nämlich so, als ob er dabeigewesen wäre. Aber – er war ja dabei!