P–y, München

Die fünf Schüsse, mit denen der siebzehnjährige Herschel Feibel Grünspan am Morgen des 7. November 1938 im Gebäude der deutschen Gesandtschaft in Paris den Gesandtschaftssekretär Ernst vom Rath tötete, hatten schwerwiegende Folgen. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde „spontan“ eine Aktion gegen die Juden ausgelöst, die als Kristallnacht unrühmlich in die Geschichte des tausendjährigen Reiches einging. Zwei Jahre später – inzwischen war der Krieg ausgebrochen und Frankreich überrannt – wurde der Täter der nationalsozialistischen Justiz übergeben. Daß der in Deutschland geplante und bis in alle Einzelheiten vorbereitete Schauprozeß jedoch nicht stattfand, und daß Herschel Grünspan allem Anschein nach den Krieg überlebte, gab Anlaß zu den verschiedensten Vermutungen und Behauptungen.

Wegen einer solchen Behauptung sitzt der 58jährige Schriftsteller Dr. jur. Michael Graf Soltikow seit dem 14. November auf einer Anklagebank des Münchner Justizpalastes: Ihm wird vorgeworfen, er habe das Ansehen des toten Ernst vom Rath verunglimpft, indem er in einer weitverbreiteten Wochenzeitschrift die Behauptung aufstellte, der siebzehnjährige Täter habe nicht aus politischen Gründen gehandelt, vielmehr sei ein Streit mit homosexuellen Hintergründen Anlaß seiner Tat gewesen.

Als Beweis für seine Behauptung führt Graf Soltikow an, er selbst habe seinerzeit im Auftrage des Abwehrchefs Canaris die französischen Untersuchungsakten eingesehen. Dabei will er festgestellt haben, daß Grünspan von Anfang an aussagte, er habe aus rein privaten Motiven gehandelt. Erst später vor der Gestapo sei der Angeklagte von dieser Darstellung abgerückt und habe politische Gründe angegeben.

Dagegen standen freilich die Aussagen des früheren Oberreichsanwaltes Dr. Lautz, der den Prozeß gegen Grünspan durchführen sollte, und des ehemaligen Ministerialrats im Reichspropagandaministerium, Diewerge, der den Prozeß im Auftrage Goebbels vorbereitet hatte. Beide sagten aus, daß Grünspan erst in Deutschland – und zwar vor der Gestapo – das homosexuelle Motiv bekundet habe. Daraufhin habe Goebbels den beabsichtigten Schauprozeß abgesagt, weil zu befürchten gewesen sei, daß man Grünspan in einer öffentlichen Verhandlung nicht schnell genug daran hindern könnte, dieses für Propagandazwecke so ungeeignete Tatmotiv vorzubringen.

Als Sensation wirkten daraufhin die Aussagen des von dem Angeklagten benannten Zeugen Ben Zahdeck, der ebenfalls als Angehöriger der deutschen Abwehr gearbeitet haben will. Er sagte aus, daß er kurz nach der Tat über Mittelsmänner die französischen Originalakten eingesehen habe und daß aus diesen das homosexuelle Motiv zweifelsfrei hervorgegangen sei. Der Zeuge wunderte sich, warum man Herschel Grünspan nicht vorgeladen habe, worauf der Vorsitzende Speidel fragte, ob er denn wisse, ob und wo Grünspan lebe. Der Zeuge antwortete, er wisse nur, daß er lebe, aber „wir könnten ihn finden“.

Auf die Frage des Vorsitzenden, wer denn mit „wir“ gemeint sei, verweigerte Zahdeck die Aussage.