Von Georg Wolff

Wie muß ein Ereignis eigentlich beschaffen sein, um die Aufmerksamkeit und Anteilnahme der Leute auf sich zu ziehen? Es gibt viele Kriterien, die einer Begebenheit den Rang der "Sensation" verleihen können. Das der tatsächlichen Bedeutung ist gewiß nicht darunter. Und so geschieht es, tagtäglich, daß Vorkommnisse eine breite Öffentlichkeit erregen, deren sich schon kurze Zeit später bis auf die Beteiligten niemand mehr erinnert. So kann es, seltener, aber auch geschehen, daß sich Dinge unbeachtet und in aller Stille abspielen, deren Bedeutung kaum abzuschätzen ist.

Auf eine Begebenheit solcher Art weist ein in einer der letzten Nummern der "Naturwissenschaften" erschienener Artikel hin mit dem unverfänglich harmlosen Titel "Vom Wirkungsgefüge der Triebe". In der dürren, nüchternen Diktion wissenschaftlicher Sachlichkeit berichtet er von einem Arbeitsprogramm und seiner Methodik, die aus einem utopischen Roman zu stammen scheinen. Die hier veröffentlichten Versuche beziehen sich auf ein Unterfangen, das sich, trotz Atombombe, trotz bevorstehender Weltraumfahrt, zu dem kühnsten und, auf lange Sicht, bedeutungsvollsten Forschungsunternehmen unserer Zukunft entwickeln könnte.

Nicht nur an der Sprödigkeit der wissenschaftlichen Terminologie dürfte es liegen, daß dieser Artikel nur in Fachkreisen beachtet worden ist: Sein Objekt, das Versuchstier, mit dem hier auf eine schlechthin phantastische Weise experimentiert wurde, ist das gewöhnliche Haushuhn.

Es gibt da eine berühmte Geschichte: In einem Kabarett bricht Feuer aus. Durch einen Zufall ist es ausgerechnet der Clown, der, in Kostüm und Schminke, das Publikum alarmiert. Aber ihm, der da, angetan mit allen gewohnten Insignien seiner Hanswurstrolle, die Schreckensbotschaft verkündet, wird nicht geglaubt. Es geschieht das Groteske: der Clown erntet einen Lacherfolg, mit dem Ergebnis, daß der Saal nicht rechtzeitig geräumt werden kann und zahlreiche Zuschauer die Folgen ihrer mangelhaften Phantasie mit dem Tode büßen müssen.

Hüten wir uns, eingedenk dieser hintergründigen Geschichte, das Huhn, mit dem Professor v. Holst, der Autor des genannten Artikels, experimentierte, mit dem unschuldigen Eierleger zu verwechseln, der von Köchinnen und Automobilbesitzern gleich ungestraft gejagt werden darf.

Worum geht es bei diesen Versuchen? Der uneingeweihte Zeuge würde zunächst wahrscheinlich gar nichts Auffälliges entdecken. Er verstünde nicht recht, warum der Hahn, der da gerade mit den typischen, ruckartigen Bewegungen des Hühnervolkes auf dem Versuchstisch hin und her stolziert, vom Versuchsleiter und seinen Assistenten mit solcher Spannung beobachtet wird.