Als die Sowjet-Dichter nach London kamen – Entzückende Ignatiewa

Von Robert Neumann

Was Robert Neumann von seinen "Freunden, den Kommunisten" unterscheidet, ist, daß er Humor besitzt, sie nicht. Die kommunistische Humorlosigkeit ist prinzipiell. Sie ist unmenschlich. Der Mensch aber, der die eingefleischten Kommunisten, die ihm begegnen, studiert, sieht, daß sie Marionetten gleichen: durch Fäden bewegt. Neumann sah viele Kommunisten im Wiener Kaffeehaus, im englischen Internierten-Lager auf der Insel Man, wo sie ihn, den Nicht-Kommunisten, "logischerweise" für einen Agenten des britischen Secret Service hielten. Denn irgendwoher müßte doch auch er – nicht wahr? – durch geheime Fäden gesteuert sein. Robert Neumann setzt die in der vorigen Ausgabe begonnenen Erinnerungen an seine kommunistischen Freunde fort.

Um das Ende des Krieges besaß ich einen Anteil an einem englischen Verlag – einen sehr bescheidenen Anteil an einem sehr großen und berühmten Verlag. Mein Seniorpartner – er hat inzwischen Selbstmord begangen – kam eines Tages strahlend ins Office und sagte: "Ich habe für uns einen großartigen Abschluß gemacht. Ich traf eine entzückende junge Russin, sie heißt Ignatiewa, sie ist Leiterin der kulturellen Abteilung der Sowjet-Handelsmission. Und kurz und gut, wir geben ihr zunächst dreißig unserer Bücher nach ihrer Wahl, irgendwelches Zeug. Dafür gibt sie uns dreißig echte Stalin-Preis-Romane! Schon ins Englische übersetzt. Mit einer Option auf weitere hundert. Fabelhaft!"

Es war tatsächlich fabelhaft. Er beging später Selbstmord, wie gesagt. Die Russen brachten aus Bescheidenheit nicht dreißig unserer Bücher, sondern nur zwei. Nicht Romane. Die zwei waren über Werkzeugmaschinenbau. Wir, unbescheiden, brachten gleichzeitig dreißig Stalin-Preis-Romane. Die waren so langweilig, daß sie niemand lesen konnte, das war noch das Beste an ihnen. Aber auch so – da eben das politische Wetter umschlug und der Kalte Krieg begann – auch so kamen wir beim Sortiment in einen so üblen Geruch, daß wir die Firma diskret schlafen legen mußten. Sie schläft heute noch.

Verführung ins Bürgerliche

Eines blieb mir von ihr: die Bekanntschaft mit jener Ignatiewa, einer wirklich charmanten jungen Frau, die ein besseres Englisch sprach als ich selbst, und besser als ich Bescheid wußte in englischer Literatur, und in deutscher Literatur, einschließlich meiner eigenen Bücher, glaube ich. Sie war eben eine Spezialistin, für ihre wichtige Auslandmission wahrscheinlich aus Hunderten, aus Tausenden ausgesucht.