Dieter E. Zimmer: "Elegie der Macht", ZEIT Nr. 47

Es ist höchst verdienstvoll, daß Ihre Zeitung sich nicht gescheut hat, die merkwürdigen Gepflogenheiten bei der jetzigen Jugendbuch-Preisverleihung zu beleuchten. Bedauerlich genug, daß gerade Michel del Castillo das Opfer dieser betrüblichen Übung wurde, aber vielleicht trägt das skandalöse Vorkommnis dazu bei, einem notorischen Übelstand abzuhelfen. Dr. Lambert Schneiders Objektivität und Rechtlichkeit sind wahrhaftig über jeden Verdacht erhaben. Wenn Abhilfe geschaffen werden soll, wird sich wohl der Herr Bundesfamilienminister persönlich bemühen müssen.

Aus unserer eigenen Praxis können wir einen ähnlichen Fall zur Diskussion beisteuern, der zwei Jahre zurückliegt. Damals entschloß sich die Jury, den Preis zu dritteln. Eines der drei preisgekrönten Werke war das von uns und der Büchergilde Gutenberg verlegte Buch von Julius E. Lips, "Zelte in der Wildnis". Verfasser waren die beiden weltweit bekannten Ethnologen Julius Lips und seine Frau Professor Eva Lips, die das reizende Buch in den Jahren ihrer freiwilligen Emigration in Kanada geschrieben hatten. Julius Lips hatte 1933 eine akademische Lehrtätigkeit in Deutschland aus Protest gegen die Rassen-Ideologie aufgegeben, nicht weil er persönlich getroffen war, sondern weil er nicht dulden konnte, daß ein Volk oder eine Rasse, sei sie "primitiv" oder zivilisiert, geringer oder höher zu bewerten sei als das andere.

Julius Lips ist vor einigen Jahren verstorben, aber seine Frau, Mitautorin dieses Buches, hätte den Preis entgegennehmen können. Ohne jede vorherige Anfrage wurden wir – nicht einmal direkt, sondern über Dritte – durch den Arbeitskreis für Jugendschrifttum verständigt, daß der Preis in eine Prämie verwandelt worden sei. Ein Protest blieb wirkungslos, die schuldlose Sachbearbeiterin in München konnte uns nur raten, jede Anstrengung zu unterlassen, da hier höhereinstanzen im Spiele seien. Wir haben daraufhin beschlossen, kein Buch mehr für den Preis anzumelden, solange dieser Zustand andauert.

Wahrscheinlich ist es nur ein Zufall, daß auch dieser Vorfall einen Autor betraf, der das bittere Brot der Emigration essen mußte. Aber die Federführung eines so wichtigen Gremiums gehört nicht in die Hand eines Bürokraten, sondern eines Menschen, zu dessen Eigenschaften Taktgefühl zählt. Wenn das jetzt nicht endlich erkannt wird, dürfte in (spätestens) zwei bis drei Jahren der nächste Skandal fällig sein. Warum muß ausgerechnet um den so liebevoll angesehenen Jugendbuchpreis eine so ungute Luft wehen, wie es im ganzen Buchhandel die Spatzen von den Dächern pfeifen? Irgend etwas muß da nicht ganz glücklich eingefädelt sein. Vielleicht wird es der Herr Minister herausfinden.

Heinrich Scheffler, Verleger,

Frankfurt am Main.